Von Peter Glotz

Die These, daß die deutsche Vereinigung den Seelenhaushalt der Westdeutschen nicht verändert habe, ist falsch. Das "vergessene Land" im Osten rührt ganz offensichtlich – zumindest bei einem Teil unserer Intellektuellen – verborgene Sehnsüchte an, Sehnsüchte nach Schlichtheit, Anstand, Pathos, Bildung, nach sozusagen altbürgerlichen Tugenden. Das ist nichts Schlechtes, auch wenn der neue Ton in seiner ungespielten Naivität ein wenig ungewohnt ist. Unter der Oberfläche des professionalisierten, kaum erschütterbaren und mobilen Westmenschen kommt ein alter Adam zum Vorschein. Die Gewittervögel sind unterwegs, im Sinne von Hölderlins "Heimkunft": "Dennoch merket die Zeit der Gewittervogel / und zwischen / Bergen, hoch in der Luft, weilt er / und rufet den Tag".

Den Tag ruft zum Beispiel Manfred Riedel, ein in Erlangen lehrender Philosoph, der gerade eine Art Tagebuch "seiner" Wiedervereinigung veröffentlicht hat. Das Buch ist eine seltsame Mischung: krude Theorie am Anfang und Schluß, dazwischen ein langes, faszinierendes, hochinformatives und lehrreiches Kapitel über die Spuren Friedrich Nietzsches in Ostdeutschland und vier tragische, gut erzählte, wenn auch schwer nachprüfbare Akademikerbiographien aus der untergegangenen DDR. Das Buch steckt voller herzhafter Sentimentalitäten ("ich denke an Deutschlands blutende Seele..." / Genscher als "behutsamer Mann aus Sachsen-Anhalt, der sich für die deutsche Einheit aufzehrt") und vermittelt trotzdem höchst relevante Informationen über den psychischen Zustand der Deutschen. Es berichtet kundig über die geistigen Zerstörungen, die der kommunistische Dogmatismus an Universitäten wie Jena, Halle oder Leipzig angerichtet hat; und landet trotzdem bei einem Ideal der Gerechtigkeit jenseits von "Parteimeinungen und Überzeugungen", das auf edle Weise unpolitisch ist. Man fühlt sich an jenen Typus des gebildeten Deutschen erinnert, den der Hölderlin-Herausgeber Norbert von Hellingrath oder der Diarist Karl Eugen Gaß verkörpert haben. Ein Neo-Idealismus zieht durchs Land – und Manfred Riedel repräsentiert die diskussionsfähige, die ernst zu nehmende, auch den Gegner deutscher Innerlichkeit bereichernde Variante dieser Tendenz.

Riedel ist kein Nationalist; auch kein vergangenheitsseliger Revisionist, der einfach sein altes Vaterland wieder erstehen lassen möchte. Typisch seine Schilderung eines Reliefwechsels am Brunnenhaus im Innenhof der Universität Jena. Eine Agitprop-Inschrift vom Sozialismus als der wahren Heimstatt der Wissenschaft wird durch das Bismarck-Relief ersetzt, das dort 1908 angebracht wurde. Kein Jubel bei dem nachdenklichen Autor, der weiß, daß Bismarck das Deutsche Reich gegen Europa einigte und daß das Bürgertum, das? 1908 Bismarck-Denkmäler schuf, schreckliche Kriegsziele hatte. Riedels Folgerung: "Auf Distinktion kommt es an. Den Abstand wahren und den Anfängen wehren, wie der Reliefwechsel am Brunnenhaus vor Augen führt." Das ist zwar mit Distanz formuliert, aus der Beobachterperspektive, nicht recht handlungsorientiert, aber treffend. Der deutsche Philosoph, der mit Hölderlin im Rucksack auf den Spuren Nietzsches wandelt, hat die deutsche Geschichte nicht verdrängt. Eine ermutigende Erfahrung.

Die kann man auch bei der Lektüre des Hauptstückes dieses Buches machen, bei der Rehabilitierung des von Elisabeth Förster-Nietzsche für die deutsche Rechte zurechtgeputzten Nietzsche, den die Kommunisten in der Fassung der schrecklichen Schwester übernahmen, um ihn verdammen und zum Vordenker des Faschismus machen zu können. Riedel weist mit sensiblen Interpretationen und einer Fülle von Zitaten nach, welch törichte Klitterung dieses Nietzsche-Bild war. Die Geschichte des Nietzsche-Archivs in Weimar, wie Riedel sie schildert, ist ein Kabinettstück knapper, lakonischer Historiographie: Der Ausbau durch Henry van de Velde Anfang des Jahrhunderts, der Versuch Harry Graf Kesslers, einen Nietzsche-Hain zu schaffen, die Förderung des Archivs durch Mussolini und Hitler, schließlich die Auslagerung des gesamten Inventars durch die sowjetische Militäradministration in ein Industriewerk – eine sehr deutsche Geschichte. Riedel kann für sich in Anspruch nehmen, auf plastische Weise deutlich gemacht zu haben, wie der große Vordenker der europäischen Einheit, Friedrich Nietzsche, von verschiedenen deutschen Zwangsregimen zu einem Provinzdämon stilisiert worden ist.

Auch Riedels Akademikerportraits (des Philosophen Paul Menzer, des aufrechten Bloch-Schülers Jürgen Keller, des Germanisten Eberhard Haufe und des evangelischen Pastors Oskar Brüsewitz, der sich aus Protest gegen das DDR-Regime verbrannte) sind auf plausible Weise typisierend und geben ein ebenso trauriges wie exaktes Bild der "Bildungspolitik" in der früheren DDR. Sie haben nur den Nachteil, daß man dem Autor seine Detailkenntnis glauben muß. Riedel deutet zum Beispiel an, daß der große Germanist Hans Mayer sich im einen oder anderen Fall schäbig verhalten habe. Wer die kompakte Gradlinigkeit Mayers in seinen späten Jahren kennengelernt hat, fragt sich zweifelnd, ob der Autor die komplizierten Verhältnisse unter einem diktatorischen Regime aufgrund seiner persönlichen Informationen wirklich voll erfaßt haben kann. Die Lebensläufe seiner "Helden" sind unerforscht, einem größeren Publikum unbekannt. Man muß die vielfältigen moralischen Urteile, die Riedel im Vorbeigehen fällt, schlicht zur Kenntnis nehmen. Seine Geschichten klingen plausibel; aber es bleibt das ungute Gefühl, daß manche Missetäter beim Namen genannt werden, manche nicht. Aber kein Zweifel: So, wie Riedel es darstellt, wird es in vielen Fällen gewesen sein. Die vier kleinen Portraits sind ein Erkennungsgewinn; nur der Opfertod des Pastors Brüsewitz ist allzu kommentarlos mit der Figur des leidenden Christus in Verbindung gebracht. Eine solche Figur hängt an einem Holzkreuz, das heute auf dem Grab des Pastors Brüsewitz steht; es zeigt einen still vor sich hin lächelnden Gottessohn. Riedel schreibt: "Aus solchem Lächeln sind Menschen wie Pastor Brüsewitz gemacht. Solchem Geist ist die sanfte Revolution vom Herbst 1989 entsprungen." Wirklich?

Das Buch ist lesenswert. Der interessierte Zeitgenosse sollte allerdings Vorwort und Epilog überschlagen. In diesem Kapitelchen heideggert sich der Philosoph mit einer ziemlich abwegigen Philosophie der "Kehre", der kathartischen Reinigung von "Zeitverkehrung" über die Runden. Das Pathos des vollständig neuen Anfangs feiert fröhliche Urständ: "Danach kann nichts mehr so sein, wie es war." Und dann kommen all die Formeln, die man kennt: "Rückkehr ins Eigene", "Einkehr in den geschichtlichen Augenblick", "Einkehr des Menschentums in die Zeit". Die mitteleuropäische Revolution des Jahres 1989 ist schlicht die "freie starke Kehre des Menschentums". Nun, ja. Wer solche Philosophie verstehen will, muß sie verstehen wollen. Aber auch, wer sie nicht verstehen will, kann von dem Bändchen profitieren.