Wenn es um die Entscheidung geht, einen Krieg zu führen, steht die Führung eines Landes vor ihrer härtesten Probe. Das in etwa ist der Leitgedanke, der Bob Woodward beim Schreiben seines Buches über "Die Befehlshaber Amerikas" beflügelte. Die Unbefangenheit, die aus diesem Ansatz spricht, könnte typisch amerikanisch sein. Mehr aber noch entspricht sie der Mentalität eines Reporters, dem es nicht um Wertungen, sondern allein um die spannende, enthüllende Geschichte geht. Beim Watergate-Feldzug gegen Nixon hat der Autor seinen unbeirrbaren Spürsinn erstmals bewiesen. Diesmal will er die Geheimnisse einer Institution lüften, die noch rigoroser gehütet werden als die des Weißen Hauses.

Mit dem Pentagon hat Woodward ein ausladendes Ziel ins Visier genommen. Herzstück der amerikanischen Sicherheit, Symbol für Geldverschwendung und militärische Anmaßung, eine der größten Behörden der Welt – all diese Assoziationen weckt der fünfformige Riesenbau am Potomac. Der Autor offeriert einige indiskrete Blicke hinter die Fassaden. Er beschreibt das Ambiente der Führungsetage, schildert wichtige Entscheidungsstränge und vermittelt ein Schlüssellocherlebnis über die geheimsten Kommandozentralen. Aber so ganz intensiv kann sich Woodward seinem Sujet nicht widmen, denn ihm kommt der Krieg zwischen die Recherchen. Und für den Ernstfall, das mußte der Reporter erkennen, werden die entscheidenden Signale außerhalb des Pentagons gestellt.

Dies zeigt sich bei der Operation "Blauer Löffel". Unter diesem prosaischen Code ist die Panama-Kampagne zwar nicht bekannt geworden, aber das Unternehmen mit diesem Decknamen beschäftigte monatelang Washingtons sicherheitspolitische Führungsriege. Woodward zeichnet mit Hingabe zum Detail ein Kollektiv-Psychogramm der Entscheidungsträger und Ausführenden. Es enthält alle Elemente einer Farce: Zaudern, Intrigen, Verwirrung, Selbsttäuschung und Arroganz. Erst als der amerikanische Overkill garantiert ist und die Frage des Präsidenten nach der möglichen Wiederherstellung der Demokratie im Noriega-Land positiv beantwortet wird, beginnt die größte Verbrecherjagd der Geschichte und bekommt die Operation auch einen würdigen Namen – "Gerechte Sache".

Bei der Golfexpedition stand die Frage der Gerechtigkeit für Washingtons Befehlshaber nie zur Debatte. Sie beantwortete sich von selbst, als Saddam Hussein seinen Angriff auf das Ölscheichtum Kuwait unternahm und damit gleichzeitig die saudischen Ölquellen bedrohte. Denn: Der Kampf um die Energiequellen ist immer gerecht. Woodward schreibt die Chronologie der amerikanischen Reaktionen, als habe er inmitten der fünf Entscheidungsträger gesessen. Wie der Präsident, der Verteidigungs- und der Außenminister, der Sicherheitsberater und der Stabschef wann argumentierten, das belegt der Autor mit Zitaten, die nur aus einer höchstrangigen Quelle stammen können. Weil Stabschef Powell ins beste Licht gerückt wird, gilt er wohl zu Recht als Hauptlieferant für den Originalton aus der Runde der Kriegsherren.

Die Darstellung ihrer Debatten bestätigt viele der Vermutungen, die während des amerikanischen Aufmarsches am Golf in Umlauf waren. So erweist sich, daß die politische Absicherung ihres Unternehmens die fünf mindestens ebenso intensiv beschäftigte wie dessen militärische Logistik. Auch die Rolle des Präsidenten entspricht den Ondits. George Bush war von Beginn an die treibende Kraft bei der Eskalation von der Verteidigung Saudi-Arabiens zur Befreiung Kuwaits – auch wenn er offenbar bis zuletzt an Saddam Husseins Einlenken glaubte. Seine Ratgeber mit Epauletten beweisen sich eher als Zauderer; sie wollten schon vor dem ersten Schuß eine Garantie für den Sieg haben.

An der Authentizität seiner beinahe protokollarischen Darstellungen läßt der Autor nie einen Zweifel zu. Skeptiker versucht er mit erhellenden Einsichten darüber zu entwaffnen, bei welchem Gespräch der Präsident rote Socken trug oder in welcher kritischen Phase "Alma (die Frau des Generalstabschefs) strickte". Die Methode ist ebenso einfach wie einleuchtend. Mit der Erwähnung intimer Nebensächlichkeiten soll auch die Beschreibung der Hauptsache in den Rang der unumstößlichen Wahrheit erhoben werden.

Immerhin, die Mischung aus Banalem und Wichtigem liest sich wie ein recht spannender Tatsachenroman. Selbst wenn Bob Woodward nicht so viel über die Vorbereitungen zum amerikanischen Engagement in Panama und am Golf weiß, wie er vorgibt: So etwa hätten Amerikas Befehlshaber argumentieren und handeln können. Dieter Buhl