Die Araber wenden Jemen und Jordanien den Rücken zu – nun fällt der Blick auf Deutschland

Von Fredy Gsteiger

Sanaa/Amman, im September

Sturzbetrunken torkelt ein Mann über die Straße. Eine Frau kanzelt ihn ab: "Daß Sie sich nicht schämen, so in der Öffentlichkeit aufzutreten!" – "Sie sind auch keine Augenweide", lallt der Zecher: "Ihre Beine sind nämlich krumm." Die Frau räumt ein: "Zugegeben, dann haben wir beide ein Problem." Der Betrunkene: "Das schon, aber meins ist morgen früh weg."

Die Geschichte ist nicht jemenitisch. Wo einst die Königin von Saba herrschte, ist heute zumindest im Nordteil des Landes Alkohol verpönt; und die Form von Frauenbeinen läßt sich unter den knöchellangen Gewändern bestenfalls erahnen. Dennoch will Abdulmalik Alsindi, der Generaldirektor des Informationsministeriums, mit ihr die Lage seines Landes anschaulich machen. In der empörten Frau sieht er den Nachbarn Saudi-Arabien, satt, reich, ungeliebt und vielleicht noch für lange Zeit in seiner verknöcherten Feudalmonarchie verharrend; der Torkelnde ist seine Heimat Jemen, vor gut einem Jahr erst aus dem islamischen Norden und dem kommunistischen Süden zusammengefügt, auf dem Weg zur Demokratie, aber täglich dem wirtschaftlichen Kollaps näher.

Rings um den erzählenden Alsindi – händeringend, wenn es um die Gegenwart, euphorisch, sobald es um die Zukunft geht – schlendern Politiker, Diplomaten und deutsche Entwicklungshelfer von einem gedeckten Tisch zum nächsten. Geladen zum Buffet-Empfang hat Carl-Dieter Spranger, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. In die Gartenoase des Nobelhotels "Taj Sheba" dringt Jemens Wirklichkeit nur gefiltert, als Ruf des Muezzins oder als vielstimmiges Hupen. Der jemenitische Alltag, in dem die Entwicklungshelfer arbeiten und in den, wenigstens für einige Stunden auch der Minister aus Bonn eintauchte, sieht anders aus. Mit einem geschätzten jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 700 Dollar ist Jemen eines der ärmsten Länder der Welt. Die bittere Armut ist unübersehbar.

Die Jahresinflation dürfte hundert Prozent übersteigen. Große Hotels, Fluggesellschaften und selbst Elektrofachgeschäfte verschmähen den einheimischen Rial und fordern harte Dollars oder D-Mark. Der Geldhahn aus den Ölmonarchien am Golf tröpfelt kaum noch, während er früher rauschte. Der Jemen muß für seine saddamfreundliche Haltung im Golfkrieg teuer bezahlen. Zudem sind in den letzten Monaten rund 900 000 ausgewiesene jemenitische Gastarbeiter aus den Golfländern zurückgekehrt. Einige fanden Unterschlupf in ihren Dörfern, bei ihren Familien. Sie haben weder Arbeit noch Aussicht darauf. Zehntausende, die bislang im Ausland ordentlich verdient haben, darben in elenden Rückkehrerlagern.