Im Asr-Viertel von Sanaa verdingen sich junge Männer als Tagelöhner. In ihren locandas, schäbige Karton-, Wellblech- und Bretterhütten, in denen die Matratzen von Wand zu Wand reichen, ist ein eingeschlagener Nagel für die Kleider oft das einzige Möbelstück. Das Klo ist, wenn es denn eines gibt, eine stinkende Kloake im Boden.

Noch sind im Jemen keine Hungerbäuche zu sehen wie in Afrika. Aber Fachleute halten das nur für eine Frage der Zeit. Die Auslagen im Souk von Sanaa sind zwar prallvoll. Doch manches Produkt fehlt. Andere sind unerschwinglich geworden. Das einstige Arabia felix, das "glückliche Arabien", ist zwar fruchtbar. Doch die besten Böden werden für den einträglichen Anbau der Kau-Droge Qat verwendet. Dafür müssen Butter aus Holland oder Weizen aus Kanada eingeführt werden. Straßenhändler und Bettler haben über Nacht die engen, staubigen Straßen erobert. Die Kriminalität steigt so rapide, daß die Regierung vor kurzem, nach langer Unterbrechung wieder getreu der Scharia Dieben eine Hand abhacken ließ, um sie dann dem Publikum beim zentralen Stadttor "Bab al-Yemen" zur Schau zu stellen.

Gleich hinter der Hoffnungslosigkeit des Asr-Viertels ragt die Hoffnung empor: Jemens Ölministerium. "Kanadische Prospektoren haben eben den vielleicht größten Ölsee der arabischen Halbinsel gefunden, nachdem die Russen an derselben Stelle zwanzig Jahre lang vergeblich gebohrt hatten", freut sich ein Beamter. Doch bis der Ölsegen richtig sprudelt, dürften noch drei bis vier Jahre vergehen. Sie zu überbrücken und gleichwohl die Vereinigung des Nordens mit dem Süden zu bewältigen und den Weg zu Pluralismus und Demokratie weiterzugehen, ist eine Bewährungsprobe, an der die Regierung scheitern könnte.

Weil Präsident Ali Abdallah Saleh auch die Zügel für die Presse lockert, läßt sich die Misere nicht totschweigen. Harte Kritik erklingt. Die Femen Times veröffentlichte eine Zeichnung, auf der ein "Regierungszug" mit den Wagen "Ineffizienz", "hohe Preise", "Vetternwirtschaft" und "Korruption" dahindampft. Dahinter liegt, überfahren auf den Gleisen, "der Bürger".

Aus der Quarantäne entlassen

Die "arabischen Brüder" haben sich als Geldgeber verabschiedet. Auch die Amerikaner und die meisten Europäer zögern, dem Land unter die Arme zu greifen. So bleiben im Ergebnis – neben den Holländern – einzig die Deutschen. Kein Wunder, daß Entwicklungsminister Spranger vorige Woche wie ein Staatsoberhaupt empfangen wurde. Er war das erste Regierungsmitglied eines westlichen Landes, das seit dem Golfkrieg nach Sanaa flog. Dank seinem Besuch fühlt sich das Land endlich aus der Quarantäne entlassen. Der sonst so nüchterne Präsident Saleh pries die traditionellen und emotionellen Bindungen zu Deutschland in den höchsten Tönen. Saleh war es auch, der im Golfkrieg mit einer persönlichen Intervention bei Saddam Hussein die Befreiung der deutschen Geiseln aus Bagdad ermöglicht hatte.

"Wir müssen künftig ganz auf eigenen Füßen stehen können", zieht hingegen Ministerpräsident Haider Abu Baker AI-Attas die Lehren aus dem Golfkrieg. Im Moment ist dies aussichtslos. Zumindest Deutschland will deshalb dem Jemen auch künftig beistehen. Minister Spranger ließ sich nicht nur überzeugen vom Demokratiewillen der Führung, er war auch erbaut nach den Gesprächen mit den Entwicklungshelfern, die mehrheitlich hochmotiviert und mit großer Sympathie für dieses Land tätig sind. "Demokratisierung und wirtschaftliche Öffnung schaffen gute Voraussetzungen für die Hilfe", meinte er in einer offiziellen Erklärung. "Hier rührt sich was, hier weht ein guter Geist", drückte er es salopper während eines Mittagessens im alten Lehmziegelhaus von Scheich Hizam im Dorf Amran aus. So weit, sich gleich auch mit dem Lokalgericht, den gekochten Kalbsköpfen im großen Topf am Boden, anzufreunden, reichte allerdings sein Überschwang dann doch nicht: "Was ich brauche, sind Kartoffeln."