Dieses hastig geschriebene Buch besteht eigentlich aus dreien, einem überflüssigen, einem ärgerlichen und einem guten, die mehr oder weniger geschickt ineinander verwoben sind. Sein Umfang aber erklärt sich nicht nur aus dieser Summierung, sondern auch aus der Unfähigkeit des versierten Erzählers, seine Erzähl- und Verzierlust im Zaume zu halten.

Er redet zuviel um das Erzählte herum. Glänzende Formulierungen entwertet er durch sein Bestreben, ihnen eine Überdosis an Glanz zu geben, und da er Witz und Originalität, die er oft hat, in jedem Satz unter Beweis stellen will, wird er langstielig und umständlich, während das, was erzählt werden soll, stockt. Man liest und liest, bleibt aber oft auf der Stelle und fragt sich, ob die vielen Umschreibungen und Verschränkungen, die dem Autor anscheinend zufliegen, dem Leser aber gesucht erscheinen, nur schmückendes Beiwerk sind oder etwas verbergen sollen, die Wahrheit vielleicht.

Nicht nur mit dem Sprachgestus, sondern wohl auch mit der Haltung des Autors hängt es zusammen, daß dieses Buch von Anfang bis Ende etwas Auftrumpfendes hat. Ob er von Lustigem, Traurigem, Gräßlichem und Nichtigem redet, ob er von sich oder anderen erzählt, ob er Irrtümer und Versäumnisse zugibt, sich in Selbstironie versucht oder aber, was freilich die Regel ist, Loblieder auf Kant anstimmt – immer entsteht der Eindruck: Er prahlt. Immer ist er auf Beifall aus oder auf dessen Gegenteil. Immer macht sich der Drang bemerkbar, im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit zu stehen.

Daraus macht er durchaus kein Hehl. Seine Lebensbeschreibung ist eine Aneinanderreihung von Situationen, in denen der aus dürftigen Verhältnissen Kommende und nach Anerkennung Dürstende sich hervortun kann. Wenn er wieder und wieder darüber berichtet, wie unbekannte und vor allem prominente Personen sich lobend oder auch tadelnd über ihn äußern, wie er auf sich aufmerksam macht oder als Kant erkannt wird, wird die Angeberei als Quelle seiner Aktivität sichtbar, nicht nur für andere, auch für ihn selbst. Denn sein Erwachsenwerden beschreibt er sehr schön als den Beginn seiner Triumphserie. In diesem Moment der Erweckung oder Erleuchtung entdeckt der Elektrikerlehrling sein Talent, witzige Reden zu führen, mit denen er, wenn auch auf anderer Leute Kosten, Anerkennung erringen kann.

Diese geglückte Passage steht neben anderen glänzend erzählten, die echt und glaubhaft seine Kindheit und Jugend in Hamburg und Parchim beschreiben. Sie bilden zusammen das beste der drei in dem dickleibigen Buch enthaltenen Bücher und haben diesen Verbannungsort nicht verdient. Ein Wohlmeinender hätte Kant raten sollen, seinen Ehrgeiz zu unterdrücken, den Schnellfabrikaten von Krenz und Schabowski, von Markus Wolf und Vera Oelschlegel ein ebensolches beizugesellen, und an dessen Stelle nur einen schmalen Band über seine Jugend herauszugeben, um mit ihm der literarischen Welt zu beweisen, daß der Verfasser der verunglückten "Bronzezeit" und der peinlichen "Summe" noch gut zu erzählen versteht.

Seinem in einem Interview geäußerten Wunsch, man möge den Erzähler vom Funktionär trennen, hätte man dann vielleicht eher entsprechen, dem Autobiographen mehr glauben, dem Sieger über seine ärmliche Hamburger Kindheit, der der Triumphgefühle wegen immer über die vornehme Elbchaussee in seine Vaterstadt einfährt, rührend Ehrlichkeit bescheinigen und ihn sogar, da hier seine Prädestination zum Kommunismus einsichtig wird, in politischer Hinsicht noch ernst nehmen können; durch die Einbindung der Jugendgeschichte in den Enthüllungs- und Rechtfertigungswälzer aber hat er sich das alles gründlich verpatzt. Denn danach wird er oberflächlich, versucht mit Geschichtchen, literarischen Kunstgriffen und Wortgirlanden die Lücken nicht sichtbar werden zu lassen, so daß ihm der Leser mißtraut.

Im Sinne des von ihm verachteten Marktes freilich hat er richtig gehandelt. Verkaufserfolge können dem Band prophezeit werden, da die Nennung vieler bekannter Namen ein sicheres Käuferpotential garantiert. Deren Interesse wird sich aber weniger auf das zweite, oben als überflüssig bezeichnete Buch im Buche richten, weil das vorwiegend nostalgische Nichtigkeiten enthält. Es handelt sich dabei um eine über den ganzen Band verstreute Sammlung von Anekdoten, unter denen Kants Romane schon mehr oder weniger litten, um wahre Geschichten also, deren Wahrheit um so fragwürdiger wird, je pointierter sie sind. Man merkt ihnen an, daß sie in Parteiversammlungs- und Schriftstellerkongreß-Pausen schon oft das Gelächter der Eingeweihten erregten; auf dem Papier aber wirken sie dürftig und verdienten hier auch kaum eine Erwähnung, wenn sie nicht so viel Platz einnähmen und eins der Modelle für die Kantsche Rechtfertigung abgäben, mit denen er sich der Selbstauseinandersetzung entzieht. Denn statt sein Verhältnis zur Macht zu klären, macht er aus seinen Begegnungen mit den Mächtigen niedliche Geschichten, in denen von Gefahr und Bedrohung nichts mehr zu spüren ist. Der dritte, umfangreichste Bestandteil, der eigentliche "Abspann", erzählt die Geschichte von Kants Schriftsteller- und Funktionärskarriere, oder besser: Er plaudert sich, von immer neuen Ansätzen ausgehend, um ausgewählte Stationen seines Lebens herum. Es wimmelt von bekannten Personen, besonders Politikern und Literaten, die aber selten lebendig werden, da sie nur in Verkürzung erscheinen, als Objekt der Verehrung oder der Anfeindung, als Mittel, Kants Rolle in Kultur und Politik deutlich zu machen, oder als Anekdotenfigur. Sympathisch berührt die Dezenz, mit der er seine Ehefrauen behandelt; geschickt läßt er aus, was er in seinen Romanen "Der Aufenthalt" und "Die Aula" geschildert hatte; und wenn er Gegner attackiert, kann man seine Scharfzüngigkeit auch dann bewundernswert finden, wenn man, was beim Rezensenten durchgehend der Fall ist, seine Ansichten nicht teilt.