Ein Spieler tritt auf, ein Tüftler, ein Bastler, ein Regisseur poetischer und kühler Erinnerungen, Schöpfer von fiktiven Räumen und Objekten, die Welt in sich tragen. Im Westfälischen Kunstverein in Münster sind sie gegenwärtig zu sehen: Klein-Architekturen, unter einer Linse ins Große gesteigert. Wassertropfen auf einer Silberkanne, monumental und fremd Photographien, auf dem Boden als Kunststoff-Formen materialisiert. Relikte früherer Auftritte – in Gestalt von Fenstern, von Tapetenwänden oder Stoffdraperien –, kombiniert zu kulissenhaften Arrangements, die auf Unbekanntes, Vergangenes weisen und doch neu zu sehen sind. Scheinbar beiläufig breiten sich die Dinge aus, so angenehm unpathetisch, daß sie unbefangen betrachtet sein können, daß sie neugierig machen auf jemanden, der Spuren hinterläßt wie im Spiel.

Hermann Pitz, 1956 geboren, war einmal ein kluges Welt-Kind, entschlossen, Künstler zu sein, in eir.er Gesellschaft, die ihm keine für ihn sichtbare Rolle zuwies. Also suchte er sie sich, hartnäckig und auf internationalem Terrain. Große Städte wurden Schauplatz seiner eher privat anmutenden Aktionen, und "auf die eigene Biographie zurückzugreifen" erschien ihm logisch: "Es ist die würdigste Haltung, ich meine, ich will auf eine bescheidene Art mit Kunst beschäftigt sein, statt schon wieder für einen neuen Stil oder für ein neues Genre zu plädieren."

Eine Phantasie, die auf die eigene Person zielt, und eine Voistellung von Kreativität, die im künstlerischen Prozeß ein wesentliches Ausdrucksmittel sieht: das war ja nach Beuys folgerichtig, und allein stand Pitz damit auch nicht. Da er jedoch leiser auftritt als andere und überdies gern von Ort zu Ort zieht, zwischen Berlin und Düsseldorf, Amsterdam und New York oder Marseille, wird eigentlich erst jetzt augenfällig, wie eindringlich hier jemand Gegenwart quasi unter der Lupe darstellt: als subjektive Abschweifung in vielfältig gebrochene Lebens- und Erinnerungsfragmente, die als Photo, als Objekt, Performance oder Raum-Inszenierung Gestalt gewinnen. Deik-Spiele sind es, Schau-Stücke auf kleiner Bühne, an denen man sich gern beteiligt.

"Le matin je fais des projets et long du jour des sottises." – morgens Projekte und den Rest des Tages dann jene Formen produktiven Leicht-Sinns, die sehr ernst genommen und präzise durchdacht sein wollen, damit sie so unprätentiös bedeutsam wirken können. Voltaires Satz steht als Leitmotiv im Katalog der "Panorama" betitelten Schau, die vom Rotterdamer Zentrum für Gegenwartskunst nach Münster kam.

33 Nummern zählt die Ausstellung, das ist nur eine Auswahl aus vielen im Katalog verzeichneten Arbeiten. Doch sie greifen alle ineinander, sie bilden ein Geflecht der Erfahrungen aus rund zehn Jahren, und so liest sich der schmale, wie ein Guide Michelin gestaltete Katalog-Band, als hätte der 35jährige einen Bericht über seinen grand tour verfaßt: ein noch junger Reisender, der Bilder aufnimmt, sie reflektiert, in Beziehungen zueinander setzt und in merk-würdige Dinge verwandelt, ordnet seine Welt. (Bis 29. September im Westfälischen Kunstverein Braunschweig, Katalog 32,– DM) Ursula Bode