Von Horst Bieber

Einmal hat er seine Anschrift verraten, kurz vor der Abreise aus Schwarzenstein, eine gute Wagenstunde vom Bodensee entfernt, den er abends in der untergehenden Sonne blinken sah. Der Fritz Graf, genannt Grofe Fritz, solle ihm doch später, hinterher, irgendwann einen Brief schreiben, an die Adresse Wachtmeister Jakob Studer, Thunstraße 98, Bern. Was Fritz Graf, genannt Grofe Fritz, mehrere Wochen später auch tat: "Sehr geehrter Herr Wachtmeister Studer! Durch vorliegendes Schreiben erlaube ich mir, Sie mit einigen guten Nachrichten zu belästigen."

Studer runzelte die Stirn und murmelte: "Chabis!" Aber da war der Fall "Krock & Co." längst abgeschlossen, fast vergessen, erinnerlich nur noch wegen der Tochter, die Jakob und Hedy Studer an den Korporal Albert Guhl von der Kantonspolizei Thurgau, stationiert in Arbon am Bodensee, verheiratet hatten. Der Täter hatte im "Hotel zum Hirschen" gewohnt, so war es, aber die Schuldigen kamen aus St. Gallen, Bahnhofstraße. Studer konnte genau zwischen Tätern und Schuldigen unterscheiden, zwischen Tatorten und Schuldorten.

Also Bern, Thunstraße 98. Keine gute Luft, wie Studer gelegentlich brummelte, wenn seine Brissago nicht zur Freude aller duftete. Drei Zimmer, etwas laut. Auch heute noch: Straßenbahn, sonst vier Autospüren, Parken auf dem Trottoir. "Genauer zu berichten, in welcher Straße das Haus stand, in dem Jakob Studer damals eine Wohnung gemietet hatte, ist nutzlos. Es genügt zu berichten, daß es eine merkwürdige Straße war, denn man hatte freien Ausblick aus den Fenstern. Dafür war der Bahnhof ganz in der Nähe, und fünf Gleise gingen auf der anderen Seite der Straße vorbei."

Da führte Friedrich Glauser (1896 bis 1938) in die Irre. Der Bahnhof ist weit entfernt, und dort, wo das Haus Nummer 98 stehen müßte, zweigt eine Seitenstraße ab und läuft an einem Fabrikgelände vorbei, das so aussieht, als sei es einmal ein Straßenbahn-Bahnhof oder -Depot gewesen. Doch die Verkäuferin in der Bäckerei zuckt die Achseln: "Das weiß ich nicht." Sie ist allein im Geschäft und zu jung, um aus eigener Anschauung zu wissen, was sich nebenan befand, als Friedrich Glauser seinen Berner Fahndungswachtmeister Jakob Studer erfand.

Ob das Haus Thunstraße 98 je existiert hat? Die Straße leugnet mit ihrem Aussehen, daß sich in sechzig Jahren so viel verändert habe, daß ein ganzes Haus verschwinden könnte.

Studer ist die Thunstraße oft entlanggelaufen, Richtung Helvetiaplatz, und dann auf der Kirchenfeldbrücke über die Aare in die – Innenstadt? Oder Altstadt? Oder in das "Weltkulturgut", wie die Unesco das alte Bern mit seinen Arkadengassen nennt? Im Jahre 1191 vom Herzog Berchtold V. von Zähringen in einer Aare-Schleife gegründet, 1405 fast total abgebrannt, danach in Sandstein wieder aufgebaut, bis heute kaum verändert, 800 Jahre alt, seit 1848 Hauptstadt der heute 700 Jahre alten Eidgenossenschaft. An diesem Sommersonntag schießt eine grünblaue Aare unter der Brücke durch, quirlt und schäumt an den Überlaufen, Mutige steigen in das kalte, saubere Wasser und verschwinden mit der Schnelligkeit von Motorbooten um die nächste Biegung.