Von Horst Bieber

Wer zu lange schweigt, den straft der Sieger: Offiziell hat sich Havanna während der Moskauer Putschtage neutral verhalten, obwohl Castro nie ein Hehl daraus gemacht hatte, daß er Gorbatschows Reformkurs ablehnt. Mitte vergangener Woche erhielt der Bärtige nun die Quittung für seine Schweigsamkeit. In Gegenwart des amerikanischen Außenministers Baker verkündete Gorbatschow, Moskau werde seine Truppen von der Zuckerinsel abziehen. Angeblich sind es noch elftausend Mann, nach westlichen Berechnungen weit weniger. Aber die Zahl spielt weniger eine Rolle als die Botschaft. Moskau weiß, daß es amerikanische Wirtschafts- und Finanzhilfe nicht bekommen wird, solange der Kreml seine Truppen auf Kuba stehen läßt.

Die Forderung Kubas, Washington möge im Gegenzug nun auch seine Basis Guantanamo auf Kuba schließen, lehnte ein amerikanischer Regierungssprecher rundweg ab: Guantanamo habe eine regionale Bedeutung, die weit über die Anwesenheit sowjetischer Truppen auf Kuba hinausgehe. Auch diese Botschaft läßt keinen Zweifel: Washington verlangt (und Moskau duldet) die totale Kapitulation des Castro-Regimes. Dazu brauchte es keine militärische Intervention, wie allen Beteiligten bekannt ist. Castros System wird an wirtschaftlicher Auszehrung sterben.

Die Folgen sind auf der Insel schon allerorten zu sehen. Es fehlt an Treibstoff und Lebensmitteln, viele Waren auf der Bezugskarte sind nicht mehr zu bekommen. Selbst Zigarren und Zigaretten werden rationiert. Die offene Arbeitslosigkeit steigt, die von allen Ländern der Dritten Welt zu Recht gerühmte medizinische und soziale Versorgung bricht aus Geldmangel zusammen. Das Transportwesen steht vor dem Ruin. Trotz immenser Ausreisegebühren haben in diesem Jahr schon 40 000 Kubaner das Land verlassen.

Das Ende der Talfahrt ist noch nicht einmal abzusehen. Bislang hatte die Sowjetunion Kuba auf zwei Wegen geholfen. Sie lieferte mehr Öl, als die Insel verbrauchte; die Überschußmengen konnte Havanna auf dem Spotmarkt gegen Dollar verkaufen. Zudem nahm die Sowjetunion vier Millionen Tonnen Zucker zu doppeltem Weltmarktpreis ab. Alles in allem waren es gut vier Milliarden Dollar, die sich Moskau das Überleben seines karibischen Außenpostens kosten ließ. Diese Zuschüsse sind schon gekürzt und werden noch weiter fallen; wenn die Sowjetunion tatsächlich darauf besteht, schon 1992 die Lieferungen nicht mehr zu verrechnen, sondern in harten Devisen zu bezahlen, droht das Aus in wenigen Monaten.

Doch Castro denkt nicht daran, seinen karibischen Sozialismus zu verändern oder gar aufzugeben. Der Revolutionär hat in mehr als drei Jahrzehnten sein Land von einer wirtschaftlichen Abhängigkeit in die andere geführt (zum Schluß wurden 85 Prozent des Handels mit den RGW-Staaten abgewickelt); "Kapitalismus" ist für ihn eine undenkbare Alternative, und den Zusammenbruch des "Sozialismus" betrachtet er als Verrat einzelner, allen voran Gorbatschows. Mit Jelzin verbindet ihn eine tiefsitzende gegenseitige Abneigung. Die winzige Chance, mit der ungewöhnlich gut ausgebildeten Gesellschaft Kubas einen Neuanfang zu versuchen, verspielt er aus ideologischem Starrsinn.

Einen Gegenspieler, der ihn absetzen oder zum Einlenken zwingen könnte, hat er nicht. Seit er General Ochoa, den höchsten Offizier des Landes, wegen dessen Verwicklung in den Rauschgifthandel hinrichten ließ, fehlt den Streitkräften ein charismatischer Anführer, der eine deprimierte Truppe zum Eingreifen bewegen könnte. Die acht illegalen Gruppen, die sich Anfang September zum "Demokratischen Bündnis" zusammengeschlossen haben, kämpfen noch mit den Schwierigkeiten politischer Arbeit in einem Einparteistaat. Die Kirche hat, obwohl sich ihr Verhältnis zum Staat geringfügig verbessert hat, den Durchbruch zu einer sozialen Kraft nicht geschafft.