Von Hans Harald Bräutigam

Beim ersten Blick in den Monitor, der im Herzkatheterlabor der Kardiologischen Abteilung der Hamburger Universitätsklinik steht, kann man das Herz der 24jährigen Frau nicht erkennen. Nur die im schnellen Rhythmus sich bewegenden und für kurze Zeit durch Röntgenstrahlen sichtbar gemachten Katheterspitzen lassen erahnen, daß hier von Karl-Heinz Kuck ein technisch höchst raffinierter, in seinem Prinzip jedoch sehr einfacher Eingriff vorgenommen wird, um die junge Dame von ihren Herzrhythmusstörungen zu befreien. Nahezu schmerzfrei und bei minimaler Belastung der Patientin erfolgt die Heilung durch gezieltes Orten und anschließendes Zerstören jener Partien im Herzgewebe, die Rhythmusstörungen hervorrufen. Zunächst spürt eine empfindliche Sonde im Katheter die fehlerhaften Leiterbahnen auf, die winzige Reizleitungsströme umlenken zu einer Art "Kurzschluß". Diese Leiterbahnen werden dann verödet und somit die elektrischen "Fehlzündungen" im Herzen unterbunden.

"Katheterabiation von akzessorischen Leitungsbahnen" heißt im Fachjargon dieser aufwendige, aber ungefährliche Eingriff. Mit diesem Verfahren könnten künftig viele Menschen von der gefährlichen Herzrhythmusstörung befreit werden. Allein vier bis sechs Prozent der über Sechzigjährigen leiden an Herzjagen oder -stolpern, häufig als Folge eines Infarktes. Eine medikamentöse Behandlung hilft bei Leitungsstörungen meist nur begrenzt.

Der Behandlung vorausgehen muß allerdings die präzise Diagnose der Erregungsleitungsstörungen. Sie ist so kompliziert wie der Mechanismus dieser Störungen. Mit dem üblichen Elektrokardiogramm sind die Unregelmäßigkeiten nicht immer zu erfassen. Dann werden Herzkatheter benötigt, die sehr empfindlich direkt vor Ort die elektrische Herzschlagleitung messen. Dies ist jedoch wesentlich einfacher gesagt als getan, denn zunächst bedarf es vieler physikalischer und medizinischer Kenntnisse, um entsprechende Katheter zu bauen. Und dann gilt es, die zahlreichen Meßdaten adäquat zu deuten und für eine Behandlung sinnvoll zu nutzen.

Das ist Karl-Heinz Kuck und seinem Mitarbeiter, dem Physiker Michael Schlüter, nach mehrjährigen Bemühungen gelungen. Nicht nur internationale Anerkennung hat diese Arbeit gebracht, sondern auch Heilung für bestimmte Herzleiden. Bisher gab es in vielen Fällen nur eine symptomatische Linderung der Beschwerden.

Um die Bedeutung der Gemeinschaftsarbeit der beiden Forscher zu erkennen, ist es notwendig, den grundlegenden Mechanismus der sogenannten Herzschlagfolge zu verstehen. Das Hohlorgan namens Herz besteht aus je zwei durch Klappen getrennten Vorhöfen und Kammern. Sauerstoffarmes, in der Körperperipherie "verbrauchtes" Blut wird von rechtem Vorhof und der rechten Kammer in die Lunge zur Sauerstoffaufnahme gepumpt und gelangt von dort über den linken Vorhof und die linke Kammer wieder zurück in alle Körperteile. Die Herzaktion, gleichmäßiges Zusammenziehen der Herzmuskulatur und nachfolgende Erschlaffung, wird von Reizleitungsbahnen in bestimmten Regionen der Herzmuskulatur gesteuert. Den regelmäßigen Schlagrhythmus verspüren wir, von starken Anstrengungen abgesehen, nicht, wohl aber die unregelmäßig schnelle Herzschlagfolge. Dabei kann arrhythmisches Herzjagen, das von den Vorhöfen oder den Kammern ausgeht, die sogenannte Tachykardie, sogar lebensgefährlich sein. Es gibt erworbene, beispielsweise nach einem Herzinfarkt, wie auch angeborene Tachykardien.

Erworbene Reizleitungsstörungen treten häufig auf. Sie werden mit wechselndem Erfolg medikamentös behandelt. Durch die Arzneien wird das Herz in einen langsameren und daher für die Herzleistung effektiveren Gang gezwungen. Einpflanzbare Herzschrittmacher, deren Funktion vom Herzmuskel selbst gesteuert (getriggert) werden kann, beseitigen den Schaden nicht, sondern verdecken ihn oft zeitweilig und verhindern nicht zuverlässig das Wiederauftreten der Beschwerden.