Berlin

Sport!" brüllte der Lehrer. "Frei!" schrie die Klasse zurück. Dieses starre Ritual am Ende jeder wöchentlichen Leibesübungsstunde habe ich als Kind Anfang der fünfziger Jahre in der miefigen Turnhalle von Berlin-Adlershof erlebt. Wenn es gerade nichts am Boden, Barren oder Reck zu tun gab, ließ uns Lehrer Otto auch schon mal zehn Minuten nach militärischen Kommandos im Kreis herummarschieren. Angetreten wurde grundsätzlich in Linie zu einem Glied. Es war die Ausrichtung des Heranwachsenden auf ein Ziel, das etwas verschwommen mit dem Schutz der sozialistischen Errungenschaften benannt wurde.

Eine gute deutsche Tradition – auch Hitler hatte sich eine Jugend zäh wie Leder, flink wie Windhunde und hart wie Kruppstahl gewünscht. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus in der DDR ist auch dessen militärische Schutzbedürftigkeit abhanden gekommen. Deshalb erscheint es folgerichtig, wenn jetzt die Berliner Senatsverwaltung für Schule, Berufsbildung und Sport in einem Rundschreiben an die östlichen Lehrstätten der Stadt darauf hingewiesen hat, entsprechende Ordnungsformen wie Strammstehen, Ausrichten, Melden und Kommandieren künftig zu unterlassen. Sie seien keine eigenständigen Übungsinhalte des Sportunterrichts.

Derlei Brimborium erstreckte sich unter dem Regiment Margot Honeckers schließlich nicht nur auf den Sportunterricht. In besonders linientreuen Schulen wurde grundsätzlich zu Unterrichtsbeginn dem Lehrer Meldung gemacht. Und es gab nicht wenige Schulanfängerklassen, in denen Sechsjährigen auferlegt wurde, beim Melden mit dem Zeigefinger gefälligst den Ellenbogen auf dem Schultisch zu lassen. Körperlicher und geistiger Drill bedingten einander in dialektischer Einheit, wie es einst hieß.

Die Ergebnisse sind bekannt, obwohl die DDR zumindest im Sport auch ihre Schokoladenseite hatte. Aber solche Erfolge wurden an speziellen Kinder- und Jugendsportschulen gezüchtet.

Das Senatsrundschreiben läßt verwirrten Ostberliner Pädagogen noch Spielraum. Auch der Sportunterricht brauche einen gewissen Ordnungsrahmen, heißt es dort. Nähere Anweisungen fehlen allerdings, so daß auch mein einstiger Lehrer Otto, falls es ihn noch gibt, zwar auf den Gleichschritt verzichten muß, aber seine unbegabten Schüler weiterhin als nasse Säcke, faule Pflaumen oder als Jesus am Kreuz beschimpfen darf. Der Ton in deutschen Turnhallen war wohl seit jeher etwas rauh.

Mein Lehrer, der Philosoph und Altphilologe Rudolf Schottlaender, erzählte mir einmal, wie 1933 der neue Rektor der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität in brauner Uniform vor die versammelte Studentenschaft getreten sei und "Universität stillgestanden" kommandiert habe. Das habe sie ja die kommenden zwölf Jahre auch getan, meinte Schottlaender.