Der Geniestreich als Serienprodukt: Griesgrämige Anmerkungen zu einem neuen Theaterspaß von Leander Haußmann

Von Benjamin Henrichs

Jede Nacht ist gefährlich, aber eine ist es besonders: die kürzeste Nacht des Jahres, die Nacht, in der es nicht Nacht werden will, die Mittsommernacht. Zumindest behaupten das unsere schlaflosen Dichter. In William Shakespeares Mittsommernacht zum Beispiel verliebt sich die holde Elfenkönigin Titania ausgerechnet in einen Esel. In August Strindbergs Mittsommernacht verfällt das adlige Fräulein Julie ausgerechnet ihrem Domestiken Jean – einem rohen Unhold, neben dem Shakespeares Esel wie der feinfühligste Mensch aussieht.

Wie harmlos ist dagegen die längste Nacht des Jahres, die Mittwinternacht – wenn es draußen finster ist und stürmt, zündet man drinnen die Funzel an und hockt sich gemütlich neben den Ofen. Im fahlen Leuchten der Mittsommernacht aber treibt es die Menschen nach draußen, ins Freie, Unbekannte. Diese Nacht, behaupten die Dichter, ist die Stunde der größten erotischen Verwirrung, die Stunde, in der jeder ein anderer wird oder, einmal im Jahr, endlich er selber. Im Menschen erwacht das Tier, im feinen Fräulein der Vampir, im Domestiken der Despot.

Die Schrecken einer Sommernacht – mancher braucht ein ganzes Jahr, mancher ein ganzes Leben, um sich von ihnen zu erholen. Einmal im Jahr steht die Welt auf dem Kopf – und es ist fraglich, ob sie danach wieder richtig auf die Beine kommt.

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Ein "naturalistisches Trauerspiel" nennt August Strindberg sein Mittsommernachtsdrama "Fräulein Julie". Seltsamerweise ist es auch das genaue Gegenteil: Hexenposse, Traumspiel, Gespenstersonate. Alles ist, wie es in dieser Nacht sein muß, ganz hell und ganz undurchsichtig.