Von Ahmad Taheri

Zum erstenmal seit der iranischen Revolution starten die Erben Ajatollah Chomeinis eine kulturelle Offensive im Herzen des bis jetzt verteufelten christlichen Abendlandes. In Düsseldorf wurde vergangene Woche das vierwöchige iranische Kulturfestival im Landesmuseum für "Volk und Wirtschaft" eröffnet. Nachdem die Tore der islamischen Republik wirtschaftlich und politisch westwärts aufgestoßen sind, sollen nun persische Klänge und Bilder, seidene Teppiche und bunte Keramik dem düsteren Bild des schiitischen Gottesstaates einen freundlicheren Anstrich verleihen. Neben dem Teheraner Ministerium für islamische Führung, das im deutschen Programmheft "Kulturministerium" genannt wird, sind die Organisatoren des Festivals die Stadt Düsseldorf und der Konzern Thyssen, der mit einem Sieben-Milliarden-Mark-Vertrag mit Teheran im blühenden Irangeschäft führend ist. "Der Iran", offenbarte der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens Heinz Kriwet den 400 eingeladenen deutschen und persischen Gästen die Gründe für das rege und wohl kostspielige Interesse der mächtigen Stahlwerke an persischer Kunst und islamischer Kultur, "ist eins unserer wichtigsten geschäftlichen Partnerländer." Der Abbau von Vorurteilen im Westen gegen die islamische Republik und gegen den Islam sei für die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen beider Länder unumgänglich.

Der Ehrengast aus Bonn, der Bundesminister für Bildung Rainer Ortleb, hingegen erhob sich in seiner Rede über alle Niederungen der politischen und geschäftlichen Interessen und schwärmte, mit einschlägigen Zitaten aus Goethes "Westöstlichem Diwan", vom "Zauber der orientalischen Welt". Wie der deutsche Minister, der alle kritischen Fragen geflissentlich umging, bewegte sich auch sein persischer Amtskollege Hodschatol Islam, Muhammad Khatami, zu dessen Machtbereich die islamische Propaganda wie die Zensur der Medien, des Films und der Literatur gehören, in seiner "Laudatio" im sicheren Gefilde der Poesie und der Kunst. "Die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen menschlicher Gesellschaften", sinnierte der Propagandachef der islamischen Republik, ein Mullah aus dem gemäßigten Lager der klerikalen Herrschaft, über das Wesen der Kunst, "werden stets auf der Grundlage des Mehrgewinns für die eigene Seite geregelt. Doch der künstlerische Dialog bedarf einer ernsthaften Bemühung um das Verstehen, um die Erlangung einer gewissen Einheit mit dem Motiv des Kunstwerks." Der islamische Würdenträger forderte die Europäer zur Bescheidenheit gegenüber der islamischen Kunst und Kultur auf: "Die Bescheidenheit ist in der Tat die Bedingung für den Eintritt in den orientalischen und damit auch in den islamisch-iranischen Kunsttempel. Sie wissen sicherlich, daß man die Schuhe ausziehen muß, wenn man eine Moschee betritt."

Der kulturelle Austausch zwischen der islamischen Republik und dem Westen ist durchaus begrüßenswert. Die meisten der 150 angereisten iranischen Künstler sind zum erstenmal in einem westlichen Land. So besteht die Chance, daß sie ihre Zerrbilder vom "kapitalistischen Teufel" einigermaßen korrigieren. Doch das Todesurteil gegen Salman Rushdie ist weiterhin gültig. Den Dolchen der fanatischen Meuchelmörder aus Teheran fiel unlängst der japanische Übersetzer der "Satanischen Verse" zum Opfer. Die Uno-Menschenrechtskommission prangerte kürzlich Teheran wegen zunehmender Folterungen und Hinrichtungen an. Allein seit Beginn dieses Jahres sei im Schnellverfahren an 700 Personen die Todesstrafe vollstreckt worden.

Iranische Sittenwächter teilen Peitschenhiebe an Frauen aus wegen "unislamischer Bekleidung".

"Die militante Phase der islamischen Revolution ist abgeschlossen", verkündete vor wenigen Tagen der religiöse Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, "doch jetzt beginnt der Existenzkampf gegen die verdorbene westliche Kultur und ihre einheimischen Agenten". Nach außen jedoch geben sich die Mullahs weltoffen und moderat und passen sich "westlicher Verdorbenheit" an. Im Kuppelsaal des Landesmuseums breitet sich vor den Augen der Gäste an der Wand ein persischer Bildteppich mit schier unislamischen Motiven aus: Inmitten der Szenerie sitzt ein junges, leicht bekleidetes Liebespaar mit der Weinschale in der Hand. Im Hintergrund feiern die umschlungenen Leiber ein orgiastisches Fest.