Merian-Leser werden vom Heft "Schweiz" (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1991; 182 S., 12,80 DM) überrascht sein. Es stellt sich mit einer auf aktuell getrimmten Ausforschung des Landes vor. Überwiegend kommen Schweizer Autoren zu Wort. Der Nachteil: Für eingeborene Schriftsteller gehört es zum guten Ton, mies über die Heimat zu schreiben.

Stilgesetz des Heftes ist der Stimmungswechsel. Persönlichkeiten, ausnahmslos Schweizer, werden in den Blickpunkt gerückt: Künstler, Kapitalisten, Ökoliberale – in jedem Fall Könner. Mit Unternehmergeist gesegnete Könner waren es denn auch, die aus der romantischen Kleinstadt Zug den viertgrößten Erdölumschlagplatz der Welt machten, wie Erwin Koch berichtet. Unter dem Motto "Ist die Schweiz am Ende?" werden der Schriftsteller Adolf Muschg, der Verleger Michael Ringier und der Kritiker Jean Ziegler in provokative Diskussion verwickelt. Der Leser erfährt, was er ohnehin ahnte, und Adolf Muschg bestätigt: "Den Schweizer gibt es nicht. Es gibt Appenzeller und Walliser. Diese Art von Differenzierung meint Eigensinn, Eigensinn ohne Kantönligeist, Pflege der Wurzel ohne Heimatstil: da liegt das europäische Kapital der Schweiz." Den Graubündner Reto Hänny wiederum widert Zürich an. Er sähe die Stadt am liebsten untergegangen und als Biotop wiederauferstanden. Dramatisches Glanzstück des Heftes ist der (hervorragend bebilderte) kulturgeschichtliche Beitrag über den Alpinismus von Jürgen Schreiber. Der Wortschatz des Autors umfaßt sowohl den traditionellen Bergsteigerjargon, die Schilderung einstiger Matterhornbesteigungen zwingt den Leser, am "Rausch der Höhen" teilzunehmen, doch auch in kaufmännischer Ausdrucksweise ist Jürgen Schreiber versiert. Von den Bergen ist die Rede, wenn er von der "Vermarktung des Erhabenen", von der "Verwertbarkeit der grandiosen Kulisse in Franken und Rappen" spricht. Recht hat er. Aber die harten Schweizer Fränkli verführen ja auch zu mißbräuchlichem Tun. Zeitgenössisches Kunstschaffen würdigt Karl Ruhberg in der Person des weit über die Schweiz hinaus berühmten Jean Tinguely. Andreas Bellasi erzählt vom "ungezähmten Tessin", vom abgelegenen Valle Onsernone, dessen unheimlicher Talzugang die Schlucht des Isorno bei Intragna bildet.

Der letzte Teil des Heftes bringt praktische Tips und wichtige, notwendige Informationen. Ferner enthält er eine herausnehmbare Karte der Schweiz. Alles in allem ein schickes Heft. Allerdings: Liebhaber der Schweiz, die "ihre Schweiz" mit Kuhglockengebimmel, Adlerhorst, Heidi und wohlgehütetem Bankgeheimnis wiederfinden wollen, werden das Heft möglicherweise aus der Hand feuern. Muß es denn gelesen werden? In erster Linie soll es gekauft werden, oder?

Esther Knorr-Anders