Polen-Bücher zu schreiben war in den letzten Jahren ein riskantes Geschäft. Wenn sich in der Zeit der Normalisierungspolitik à la Jaruzelski Stagnation über das Land breitete, war Polen ein Thema für Hobbyisten. Wenn aber die polnischen Fronten in Bewegung gerieten, war es schwer, mit ihnen Schritt zu halten.

Kramer setzt sich in seinem Buch vor allem zwei Ziele: Er will zum einen das neue, demokratische Polen portraitieren, dessen Geburt er als deutscher Hörfunkkorrespondent in Warschau selber miterlebte. Zum anderen versucht er, seinen Lesern dieses, wie der Titel suggeriert, weitgehend unbekannte Nachbarland zu erklären. So entstand eine Mischung aus anspruchsvollem Reiseführer mit zahlreichen Exkursen in den Alltag und leicht geschriebenem Geschichtsbuch für jedermann.

Die These, daß Polen ein den Deutschen "unbekannter Nachbar" sei, darf freilich nicht widerspruchslos hingenommen werden. Es gibt kaum ein Land Westeuropas, in dem die polnische Kultur so stark wahrgenommen wird wie in Deutschland. Karl Dedecius (der übrigens das Vorwort zu dem Buch Kramers schrieb) ist auch ein deutscher Sonderfall – und ein polnischer Glücksfall.

Möglicherweise sind aber die Ansprüche, die man an Deutschland stellt, höher. Das wäre gar nicht unberechtigt. Es gibt in Europa kaum zwei andere Völker, zwischen denen so viele familiäre Bande bestehen wie zwischen Polen und Deutschen. Polen hat mit vielen Ländern unkomplizierte, aber mit keinem so intensive Beziehungen wie mit dem westlichen Nachbarn Deutschland.

Der Weg über die Oder und Neiße ist in den letzten Monaten kürzer geworden. Die Abschaffung der Visumspflicht hat das möglich gemacht. Dieses Ereignis hat Kramer freilich genausowenig wie andere vorhersehen können. Trotzdem gibt es dem Autor allen Grund zur Freude. Denn das Bedürfnis, das Nachbarland zu entdecken, dürfte nicht nur den Grenzverkehr beleben, sondern auch der Polen-Literatur zugute kommen.

Janusz Reiter

  • Friedrich Wilhelm Kramer: