Von Rainer Frenkel

Es ist nicht leicht, Karl Leonhardt zu verstehen. Die Art und Weise, wie er, der einstige DDR-Grenztruppengeneral, zu denken und zu reden gelernt hat, steht westlichen Denk- und Hörgewohnheiten entschieden entgegen.

Karl Leonhardt ist einer jener vier früheren Generale der DDR-Grenztruppen, die am 17. Juli dem Deutschen Bundestag einen Brief geschrieben haben. Mit Blick auf den gegenwärtig in Berlin geführten Prozeß gegen die sogenannten "Mauer-Schützen" baten sie die Abgeordneten, "die uns unterstellten Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere ... von der Strafverfolgung freizustellen". Und sie ließen wissen: "Wir übernehmen persönlich die Verantwortung für die den Grenztruppen übertragenen Aufgaben."

Im Gespräch erklärt der Exgeneral, wie das gemeint war. Er sagt es in Sätzen, die wie von weit her klingen, die aber, wie sich zeigen wird, das entscheidende Zeugnis seiner Biographie sein könnten. "Wir haben uns entsprechend unserem Platz dafür eingesetzt, daß die Befehle in Übereinstimmung mit völkerrechtlichen Prinzipien und innerstaatlichem Recht politisch verantwortungsbewußt und militärisch exakt umgesetzt wurden." Immer die Ziele vor Augen, "den Krieg abzuwenden", "Ruhe und Ordnung an der politisch sensibelsten und brisantesten Staatsgrenze zu gewährleisten" und "politischen, ökonomischen und militärischen Schaden vom eigenen Land und der sozialistischen Staatengemeinschaft fernzuhalten".

Wie immer solche Sätze im Westen oder im gewendeten Osten aufgenommen werden, der Appell der Generale ist zumeist mit Erstaunen gehört worden. Eine so noble Geste von führenden Militärs aus dem "Reich des Bösen"? Allein der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer notierte kritisch: Das sei doch "nur eine scheinbare Verantwortungsübernahme. Eigentlich ist es ein gegenseitiger Entschuldungsversuch." Gleichwohl sei den Generalen zu danken. "Waren sie doch gewissermaßen die Hintermänner am Abzug." Dennoch will Schorlemmer auch "die Grenzsoldaten haftbar machen". Das sagt sich leicht. Und die so sprechen, dürfen allgemeiner Zustimmung sicher sein.

Doch der Prozeß gegen jene vier Soldaten, von denen einer am 5. Februar 1989 Chris Gueffroy an der Berliner Mauer erschoß, droht schon zu Beginn zu einem Schau-Prozeß zu verkommen. Geltungssüchtige Verteidiger, ein schneidiger Oberstaatsanwalt und ein immer wieder unsicherer Vorsitzender Richter reden über die Angeklagten hinweg. Und eine rachewütige Boulevardpresse, die sinnigerweise zwei der Verteidiger aushält, sorgt für Stimmung im Land. Etwa dadurch, daß die Anschriften der Verteidiger, der Soldaten und ihrer Generale bekanntgemacht werden – für anonyme Briefe von "Deutschen Rächern", für Brand- und Morddrohungen, auch an Karl Leonhardt, ist gesorgt.

In diesem Klima kann der vermeintliche Hauptzeuge Christian Gaudian, der mit dem getöteten Chris Gueffroy gemeinsam auf der Flucht war, früher gemachte und unterschriebene Aussagen im Kernbereich lässig revidieren – zuungunsten der Angeklagten. Er wird zwar vom Richter und einem Verteidiger nach seinem Erinnerungswandel befragt. Doch selbst patzige Antworten treffen auf johlende Zustimmung im Publikum.