Und noch ein Buch über die Alpen und ihre Zerstörung. Man mag es ja kaum noch hören: Bergwaldsterben und Verkehrsexplosion, Zersiedlung und Gletschermöblierung, Schneekanonen und Murunglücke. Immer mehr, immer schlimmer, Jahr für Jahr.

Doch Vorsicht! Die Studie, die Werner Bätzing jetzt vorgelegt hat ("Die Alpen. Entstehung und Gefährdung einer europäischen Kulturlandschaft"), geht über die übliche Katastrophenlyrik weit hinaus. Gewiß, Bätzing weiß alles, was andere ökologisch orientierte Kritiker der Alpenzerstörung auch wissen, und er schreibt es auch, etwa wenn er begründet, warum die Alpen als europäisches Trinkwasserreservoir umzukippen drohen.

Aber er erlaubt sich den Luxus unpopulärer Differenzierung, und zwar in einer angenehm nüchternen und unaufgeregten Sprache: Skilifte sind für Bätzing nicht gleich Teufelszeug, sie sind aber auch nicht "automatisch und immer umweltverträglich"; und der "Unglückssommer 1987", als überall Muren niedergingen und Hochwasserwellen Talgründe verwüsteten, scheint ihm nicht dem Waldsterben und den vielen Skipisten geschuldet zu sein – wie viele Journalisten eilfertig vermuteten. Es war nach seiner Auffassung das Ende der Landschaftspflege im Hochgebirge, die Aufgabe großer Almflächen, die Muren begünstigten. Das macht die Sache nicht weniger schlimm, nur weniger spektakulär und schlagzeilenträchtig.

Werner Bätzing, Assistent am Geographischen Institut der Universität Bern, geißelt zu Recht jenes "Zerrbild der Alpen", das "um so extremer wird, je weiter man sich von den Alpen entfernt". Es ist ein Bild, das in den europäischen Metropolen entstanden ist und die Berge als "Katastrophenregion" wahrnimmt oder, ebenso verzerrt, als "Idylle", als Heimat von glücklichen Kühen, als eine Region, in der die Symbiose von Kultur und Natur gelungen ist.

Aus der Wahrnehmung als "Katastrophenregion" speist sich jenes Öko-Bewußtsein, das dazu verleitet, nur noch halt! und stopp! zu rufen, sobald ein Bergbauer Backstein und Mörtel in die Hand nimmt. Es möchte die Alpen am liebsten eingehegt sehen und durch Umweltschutz helfen, die Berge wieder zu jener Idylle zu machen, die sie in Wahrheit niemals waren.

Durch die historische Darstellung des Wandels der Alpen von der Natur- zur Kulturlandschaft zeigt Bätzing, daß es niemals gelungen ist, die Alpen von der zivilisatorischen Entwicklung in "Resteuropa" abzukoppeln. So begründet er, warum das Konzept des reinen Verhinderns und des Einhegens nicht weiterführt, warum ein am Erhalt des Status quo orientierter Umweltschutz die "Gefahr der Musealisierung" in sich birgt – und liefert dabei, ganz en passant, ein Konzentrat lesenswerter Fakten über Entstehung, Morphologie, Klima und Vegetation sowie Besiedlung der Alpen.

Der Autor plädiert für den "gestaltenden Umweltschutz", etwa bei der Raumordnung, in der Verkehrs- und Industriepolitik – ohne dabei jedoch einem technischen Machbarkeitswahn zu verfallen, nach dem jeder alpine Umweltfrevel erlaubt wäre, gäbe es nur die passende "ökologische Ausgleichsmaßnahme".