Ein amerikanischer Ökonom räumt mit Vorurteilen über die internationale Wettbewerbsfähigkeit auf

Von Otto G. Mayer

Ist Deutschland noch "wettbewerbsfähig"? Oder hat der Standort Bundesrepublik inzwischen "viel vom Glanz" verloren? Letzteres hat das Institut der deutschen Wirtschaft kürzlich mit Blick auf die relativ geringen Investitionen von Ausländern in Deutschland behauptet. Doch sind geringe Investitionen von Ausländern tatsächlich ein Hinweis auf nachlassende Wettbewerbsfähigkeit? Oder sind sie eher ein Zeichen dafür, daß sich die deutschen Unternehmen wieder im Inland gegenüber der Auslandskonkurrenz besser behaupten können – besser als etwa Großbritannien, das Ende des vorigen Jahrzehnts eine Woge von ausländischen Investitionen erlebt hat, wovon allerdings, angelockt durch niedrige Löhne, ein beträchtlicher Teil in weniger anspruchsvolle Tätigkeiten, zum Beispiel Montagearbeiten, ging? Sind aber niedrigere Lohnkosten für eine Volkswirtschaft tatsächlich mehr als ein vorübergehender Wettbewerbsvorteil? Schließlich wird es irgendwo in der Welt immer ein Land mit noch niedrigeren Löhnen geben. Deuten hohe Handelsbilanzüberschüsse, die letztlich nichts anderes bedeuten als Aufbau von Vermögenswerten im Ausland, auf Wettbewerbsfähigkeit hin oder darauf, daß es im Inland keine rentablen Investitionschancen gibt?

Die Zahl solcher Einerseits-andererseits-Thesen im Zusammenhang mit dem Begriff der "internationalen Wettbewerbsfähigkeit" läßt sich fast beliebig vermehren. Teilweise ist dies auf eine isolierte Betrachtung der Wirkungsweise von Löhnen, Steuern, Sozialabgaben, Zinsen, Wechselkursen oder anderem zurückzuführen, teilweise auf die unterschiedliche Betroffenheit von Interessengruppen. Ganz allgemein zeigt sich jedoch, daß es keine anerkannte Definition des Begriffs "Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft" gibt.

Dies ist der Ausgangspunkt des Harvard-Professors und prominenten Wettbewerbstheoretikers Michael E. Porter. Wettbewerbserfolge erfordern nicht nur ein entsprechendes unternehmerisches Verhalten, sondern auch günstige Rahmenbedingungen auf nationaler und auf Branchenebene. Um diesen Bedingungen nachzuspüren, haben Porter und seine Mitarbeiter mehr als hundert Branchen in zehn Industrienationen untersucht. Herausgekommen ist ein fast tausend Seiten starkes Werk.

Die Seitenzahl sollte keinen von der Lektüre abhalten. Wie bei guten amerikanischen Büchern üblich, werden die grundlegenden Zusammenhänge vor neuen Kapiteln noch einmal knapp wiederholt, so daß ein selektives Studium möglich wird.

  • Michael E. Porter: