Der Konkurs des Kommunismus ist aktenkundig, was nun? Die Frage beschäftigt nicht nur die Linke, die aber, verständlicherweise, besonders. Konferenzen, Vorträge, Aufsätze, Bücher in steigender Zahl widmen sich dem Thema. Gemeinsam ist allen Beiträgen die Grundthese: Das Ende der KPdSU kann nicht das Ende jedweder Alternative zum Kapitalismus sein.

Im Gegenteil! Aufmunternde Worte richtet der amerikanische Politikwissenschaftler Norman Birnbaum an seine linken Freunde zu beiden Seiten des Atlantiks: "Nun, da eine völlig unauthentische Spielart von Sozialismus zerfällt, ist unsere Aufgabe eine neue Fusion von Demokratie und Sozialismus."

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Birnbaum sprach Ende vergangener Woche auf einer Tagung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Washington. Es ging, so die Vorgabe des Veranstalters, um "gemeinsame Dilemmata und Perspektiven der europäischen und amerikanischen Linken". Haupttitel: "Auf dem Weg in eine Zivile Gesellschaft". Da dieser Weg aber in diesen drei Klausurtagen trotz prominenter Beteiligung – darunter die Amerikaner Michael Walzer und Amitai Etzioni – nicht so recht sichtbar wurde, war von den Dilemmata mehr zu merken als von Perspektiven. Ein durchaus älteres Problem der Linken.

Ein Teil der Debatten drehte sich um die "Communitarians", eine neue amerikanische Bewegung, die den aktuellsten Übeln der späten Industriezivilisation, wie Vereinzelung und Gewalt, mit einer Renaissance alter ziviler Tugenden beikommen möchte: Mitmenschlichkeit, Verantwortlichkeit, Solidarität. "Der Mensch fühlt sich im Prinzip als der Hüter seines Bruders", sagt Professor Etzioni, man sollte ihm diese Grundeigenschaft nicht absprechen, selbst wenn die achtziger Jahre – die Dekade des Egoismus – das Gegenteil zu beweisen schienen. Traditionelle Werte sind denn auch die politischen Eckwerte der Communitarians (von Community – Gemeinschaft): Familie, Erziehung, öffentliche Sicherheit und Ordnung, auch – was das größere Umfeld der "Gemeinschaft" angeht – Nation und Patriotismus. Themen, die man nicht den Konservativen überlassen dürfe.

Der Traum vom neuen Bündnis der Mitfühlenden, Gerechten und Engagierten als neue antikapitalistische Vision? Die "gute Gesellschaft" als Plattform einer neuen linken Mitte? Einigen aus der Linken, das wurde auf dem Seminar deutlich, ist so viel Umdenken nicht mehr geheuer. Irgendwie kommt ihnen das recht neokonservativ vor. Paradigmenwechsel o.k., aber Seitenwechsel? Nein danke!

"Das ist gefährlich", sagte eine Soziologin aus Paris, als ein New Yorker Professor der Linken kritische Selbstreflexion etwa im Bereich der Pädagogik empfahl. Ein Kolumnist schockierte zumindest die beiden Feministinnen im Saal mit der Frage, ob die radikale Position zur Abtreibung nicht das Geschäft der moral majority in Amerika erleichtert habe.