Von Alexej Rastorgujew

Das Museum in Bremen gehört zu den deutschen Museen, die von den Folgen des Krieges wohl am schlimmsten betroffen waren. Aus ihm verschwanden 31 Gemälde, darunter solche von Dürer, Gauguin, Tintoretto, Goya, Monet, Renoir und van Ruisdael und vielen anderen, nicht weniger bekannten Malern. Verschwunden waren auch 360 hervorragende Zeichnungen europäischer Meister von Leonardo bis van Gogh. Von Dürer verschwanden 28 Zeichnungen, die größte überhaupt irgendwo vorhandene Sammlung dieser Art. Es ist heute nicht feststellbar, wie das vor sich ging, aber wohin es ging, läßt sich ziemlich definitiv sagen.

Im April 1946 kam ein sonst kaum bemerkenswerter Offizier namens W.I. Baldin aus Deutschland zurück nach Rußland. Sein Besitz setzte damals selbst erfahrene Mitmenschen in Erstaunen, denn er umfaßte – hier möchte ich aus einem Dokument zitieren – "einen ganzen Waggon voller Säcke und Kisten mit Tafel- und Teegeschirr, Eßbestecken, Bett- Tisch- und deutschen Federdecken, Teppichen und anderem Hausrat". Vor dem Krieg war W.I. Baldin Restaurateur in Sagorsk. Nach der Rückkehr prahlte er dort, in der ihm zugewiesenen Wohnung in den Metropolitengemächern des Dreifaltigkeitsklosters, mit seinen Kriegstrophäen. Im ersten Zimmer hing eine Sammlung von Feuer- und Fechtwaffen. Das Herzstück bildete der Degen, der einst Hermann Göring gehörte. Baldins Bekannte behaupteten, in den vierziger Jahren bei ihm auch angeblich von ihm gerettete Bilder aus dem Bremer Museum gesehen zu haben. Es handelte sich um Hunderte von Meisterwerken. Für vom Untergang gerettete Stücke sahen sie irgendwie etwas zu gut aus. Sogar die Passepartouts, in denen sie aufbewahrt wurden, waren noch deutscher Herkunft. Man erzählte auch von irgendwelchen Gemälden. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß einige Zeichnungen ihren Besitzer wechselten. Jedenfalls gibt es Zeugen, die sagen, daß Baldin so manch eine Zeichnung Bekannten schenkte.

Baldin soll später wegen Schiebergeschäften mit Antiquitäten verhaftet worden sein und einige seiner "Kriegsbeutestücke" fielen dem Staat anheim. Rein zufällig kamen die Bremer Zeichnungen ins Museum für Geschichte der russischen Architektur in Moskau. Die Vermutung liegt nahe, daß die im Museum gelandeten Blätter nur einen Teil der Sammlung von Baldin darstellten und vielleicht eine Art Abfindung oder Freiheitspreis waren. Vielleicht wanderten andere Werke aus seinem Besitz, nachdem er in die Zwickmühle geraten war, direkt an jene Personen, denen er unangenehm aufgefallen war? Darüber wird jetzt wohl keiner Auskunft geben. Bekannt ist jedoch, daß Baldin im Laufe seiner ganzen Tätigkeit, darunter auch im Architekturmuseum, den denkbar schlechtesten Ruf hatte. Er galt als Denunziant, Schwindler und Dilettant.

Gottes Wege sind wundersam: Der altgewordene Baldin kam eines Tages in die deutsche Botschaft in Moskau und erzählte die anscheinend recht rührende Geschichte der geretteten Zeichnungen. Und nun war es Gorbatschow persönlich, der den Deutschen versprach, die Zeichnungen zurückzugeben.

Für die aus der Bremer Kunsthalle verschwundenen Kunstwerke gibt es allerdings noch eine andere Spur. Ebenfalls in den vierziger Jahren kam ein anderer ehemaliger Offizier nach Baku. Er trug auch einen Koffer voller Zeichnungen. Er soll diversen Menschen Zeichnungen angeboten haben, darunter dem heutzutage bekannten aserbeidschanischen Maler Narimanbekow. Der interimistische Inhaber der Werke malte damals aus, wie er die Blätter seinen Soldaten, die gerade dabei waren, aus ihnen Papirossy zu drehen, rechtzeitig hatte wegnehmen können.

Später erging es den Bremer Zeichnungen in Baku genauso wie denen in Moskau: der Geheimdienst kam auf den Plan. Es ist nicht bekannt, was mit dem Offizier passierte, die Zeichnungen aber kamen ins Museum der Künste in Baku. Unter ihnen soll sich die Zeichnung für das berühmte Dürer-Blatt "Das Badehaus" befinden. Ich nehme an, in Baku liegen Dutzende, wenn nicht Hunderte von Bremer Blättern, von denen die Deutsche Botschaft in Moskau keine Ahnung hat und die Gorbatschow überhaupt nicht erwähnte, weil er einfach davon nichts wußte. Wie lange sie noch dort liegen werden, weiß keiner. Und jetzt weniger denn je. Dabei hieß es doch schon vor gut einem Jahr: "Kriegsverluste vor der Rückkehr" (FAZ).