l Stimme des Piloten: "In wenigen MinuB I ten erreichen wir Berlin "

X Die "wenigen Minuten" ziehen sich in die Länge, kommen nicht so recht voran, scheinen aneinander zu kleben. Noch nie habe ich ein Flugzeug so langsam landen sehen. Mußte das wirklich so sein?

Ich weise mich zurecht: Da hast du 53 Jahre lang darauf gewartet, Berlin als deutsche Haupt , Stadt wiederzusehen, warst nicht einmal sicher, ob dies eines Tages Realität sein würde. Willst du dich jetzt wirklich mit den "wenigen Minuten" anlegen, weil sie zu langsam vergehen?

So begann mein Berliner "Sechstagerennen". Sechs Tage hindurch Runde um Runde drehen, den Jahrzehnten entlang, von Beginn der dreißiger Jahre bis heute. Ein "sportliches" Unternehmen, das dem Kopf mehr abverlangte als den Beinen. Und das obendrein noch etwas Sonderbares an sich hatte: Ich war zu Beginn des Rennens atemloser gewesen als an dessen Ende — die Atemlosigkeit der Erwartung, der Glaube an das Wunder. Die Mauer war gefallen. Westberlin und Ostberlin, zwei Städte, die ich gut kannte, wieder vereint, nun würde alles anders sein.

Am Tegeler Flughafen hat ein übellauniger Taxifahrer mein Gepäck in den Kofferraum getan und wartet darauf, daß ich ihm eine Adresse angebe: "Hotel Kempinski", Fasanenstraße. Ich füge hinzu, und meine eigenen Worte treffen mich unerwartet: "Über den Potsdamer Platz, bitte Ein beträchtlicher Umweg.

In meinem Arbeitsplan war der Potsdamer Platz erst für den nächsten Nachmittag vorgesehen, aber der schien mir plötzlich zu weit entfernt. Am Potsdamer Platz hatte ich damals, vor Beginn des Krieges, meinen letzten Abend in der Reichshauptstadt verbracht, und ich wollte ihn heute, an diesem ersten Abend in der deutschen Hauptstadt wiedersehen.

In Berlin geht ein wolkenverhangener, trüber Sommersonntag zu Ende. Wir fahren durch Stadtteile, die ich nicht kenne oder nicht in Erinnerung habe. Wenig Menschen auf den Straßen, die Häuser alt, traurig, alle etwas angeschlagen, alles in Grau. Dann weniger Häuser und mehr Ruinen, vielleicht die Leipziger Straße.