Gestern sind wir mit der Bundesbahn in die Zukunft gefahren. Eigentlich wollte ich mit meinem Baby nur nach Worms zu meiner Schwiegermutter. Aber zufällig handelt es sich bei dem Zug, in den wir steigen, um dieses neue Super-High-Tech-Hochgeschwindigkeitsgeschoß, das einen in Null Komma nichts von A nach Z katapultiert. "Acht Motoren, 13 000 PS 400 Meter außerordentliche Zuglandschaft", verheißt uns ein Plakat schon vor dem Einsteigen Und dieser InterCityExpress rast zwar auch nach Worms, aber sein eigentlicher Zielbahnhof, sagt die Bahn, ist die Zukunft.

So steige ich also mit meiner Einjährigen in "die leisesten und breitesten Wagen, die die Bahr je hatte", und das erste, was mir auffällt, ist, daß das "Unternehmen Zukunft" zwar ein "Bordrestaurant" und einen "cw-Wert von 0,2" hat, aber kein Mutter-und-Kind-Abteil, wie ich es noch vom Unternehmen der Vergangenheit her kenne. Vater- oder Eltern-und-Kind-Abteil sowieso nicht.

Aber die von der Bahn sind keine Unmenschen. Haben sie mir halt ein normales Abteil, "luxuriös, mit Club-Atmospäre", reserviert und in Mutterund-Kind-Abteil umbenannt. Das ist ja das Schöne an High-Tech. Verpatzte Hardware korrigiert man per Software.

Sanft fährt er an, der ICE, leise beschleunigt er immer schneller und schneller in die Zukunft. Es wird Nacht, und ich weiß nicht, wo ich mein Töchterlein hinlegen soll. Früher klappte man die Lehne hoch, zog einmal am Sitz, und schon lag man flach. Aber der Neue hat keine Sitze, sondern ein "ICE-Sitzsystem" mit "stufenlos höhenverschiebbarem Kopfkissen, Fußstütze mit Rastermechanik und Audio-Video-Modul mit Kopfhörerbuchse", wie ich der Bedienungsanleitung entnehme.

Die Zeichnung dazu sieht aus wie eine Manöverkarte aus dem Nato-Hauptquartier. Acht schwungvolle Pfeile verheißen eine ungeheure Beweglichkeit. Ich ziehe, drücke und zerre, wo man nur ziehen, drücken und zerren kann, aber das Sitzsystem bewegt sich allenfalls um ein paar Zentimeter, eine Liegeposition kriege ich nicht zustande.

Aber jetzt möchte mein Baby schlafen und kann nicht, und deshalb quengelt’s. Natürlich ist in der außerordentlichen Zuglandschaft weit und breit kein Schaffner zu sehen, Pardon, kein ICE-Begleiter. Oder muß es jetzt Bordsteward heißen? Aber auch in der Zukunft ist Vertrauen nur gut und Kontrolle besser, und darum kommt er irgendwann ganz von selbst, um zu tun, was ein Fahrkartenkontrolleur eben zu tun hat.

Den Sitz kriegt er auch nicht in Liegeposition. Er meint, daß das wahrscheinlich gar nicht gehe. Dafür solle ich aber nicht ihn verantwortlich machen, er habe den Zug nicht konstruiert. Die weitere Konversation erstickt im Gebrüll meiner Tochter, die soeben ihr Köpfchen ans Audio-Video-Modul gestoßen hat.