Alles ist anders – wie immer

Israel findet zurück zum Alltag mit all seinen Verrücktheiten

Von Henryk M. Broder

Jerusalem, im September

Wann immer in der großen weiten Welt etwas passiert, das den Lauf der Geschichte verändert, stellen die Kinder Israels die Frage: Ist es gut für die Juden? Oder ist es schlecht für die Juden? So wurde auch der Putsch in Moskau unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Einerseits: Hätte sich die Janajev-Junta durchgesetzt, wäre Israels strategische Bedeutung als Verbündeter der Amerikaner im Nahen Osten gestärkt worden. Noch mehr Juden hätten einen Grund gehabt, die Sowjetunion zu verlassen und nach Israel zu kommen. Israels Mißtrauen gegenüber einer internationalen Friedenskonferenz unter Beteiligung Moskaus wäre bestätigt worden. Andererseits: Das Scheitern der Putschisten, die Rückkehr Gorbatschows in die politische Arena erleichtert die weitere Annäherung zwischen Israel und der Sowjetunion und gibt den Juden, die dort bleiben wollen, ein Minimum an Sicherheit. Und hatte der Kreml vor dem Putsch noch erklärt, die PLO müsse am nahöstlichen Friedensprozeß beteiligt werden, so dürften die maßgeblichen Leute hinter Gorbatschow nunmehr – aufgrund des Verhaltens der PLO ernüchtert – ihre Haltung überdenken. "Alles in allem", schrieb ein Kommentator im Tel Aviver Massenblatt Ma’ariv, "fällt die Bilanz zugunsten Israels aus."

So viel Selbstbezogenheit mag angesichts der Ereignisse in der Sowjetunion übertrieben vorkommen. Neu ist sie nicht. Israel war schon immer vor allem und am liebsten mit sich selbst beschäftigt. Mögen in anderen Ländern Nachrichten von jenseits der Grenzen die Titelseiten füllen, in Israel machen lokale Ereignisse die Schlagzeilen. Und Schlagzeilen sind Israels bester Exportartikel. Die weltweite Aufmerksamkeit, die einem kleinen Land in der nahöstlichen Provinz und einem Regionalkonflikt zuteil wird, hat die Wahrnehmung der Menschen und ihre Selbsteinschätzung auf skurrile Weise verzerrt: Was mit Israel beziehungsweise dem israelisch-arabischen Problem nichts zu tun hat, wird auch nicht wahrgenommen. Hätte sich zum Beispiel bei der deutschen Wiedervereinigung die Frage nach einem wiedererstarkten Nationalismus in einem größeren Deutschland nicht gestellt und wäre der Tag, an dem die Mauer fiel, nicht historisch und emotional dermaßen besetzt gewesen, hätten sich nur wenige für die Ereignisse interessiert. Für die Masse der Israelis wäre das Ende der DDR so unwichtig gewesen wie der Zusammenbruch einer Produktionsgenossenschaft in Kasachstan.

Der letzte Nahost-Krieg, an dem Israel als betroffene, aber nicht beteiligte Partei teilnahm, hat diese Selbstbezogenheit noch verstärkt. Zumal es diesmal eine Reihe handfester Gründe gab, die eigene Sicherheit allen anderen Überlegungen voranzustellen. Bei einer Vorwarnzeit von drei bis fünf Minuten für die Einwohner von Tel Aviv spielt es einfach keine Rolle, ob es die Sowjets oder die Amerikaner waren, die den Irak aufgerüstet hatten und aus welchen innenpolitischen Gründen die Vereinigten Staaten auf einen Krieg drängten. Hauptsache, die Abschußrampen für die Scud-Raketen wurden vernichtet.

Freilich – wer nun, ein gutes halbes Jahr nach dem Ende des Golfkriegs, nach Israel kommt und ein traumatisiertes Land erwartet, das an den Folgen des Krieges leidet und mit der Erfahrung seiner Verletzbarkeit nicht fertig wird, der wird rasch eines Besseren belehrt. Die "hysterische Gelassenheit", die unmittelbar vor dem Krieg geherrscht hat, ist jener Mischung aus Hektik, Ignoranz und Lebenslust gewichen, die schon immer typisch für Israel war. Was einem die Nachtruhe noch nachträglich rauben könnte: Daß Saddam Hussein doch in der Lage war, seine Raketen mit Giftgasköpfen auszurüsten, daß ein Drittel der im Lande verteilten Gasmasken nicht oder nur sehr bedingt funktionsfähig war, daß zum ersten Mal fremde Truppen im Lande stationiert werden mußten, daß Israel also nicht in der Lage war, sich aus eigener Kraft zu schützen – das alles scheint vergessen oder verdrängt.

Alles ist anders – wie immer

"Im Krieg waren wir wie gelähmt, danach geschockt, und jetzt sind wir noch zynischer als vorher", sagt Robert Rosenberg, der vor zwanzig Jahren aus den Vereinigten Staaten eingewandert ist, "nur so können wir überhaupt weiterleben ..." Während des Krieges saß Rosenberg mit Frau und Tochter, die Gasmasken aufgesetzt, in einem abgedichteten Zimmer. Die Scud-Raketen flogen über ihre Köpfe; eine schlug ein paar Häuserblocks weiter in einem Laden ein – ohne zu detonieren. "Ich glaube, unser Kreischen war noch lauter als der Krach der Raketen", sagt Rosenberg grinsend. Am Wohnzimmerfenster sind noch Klebestreifenabdrücke zu sehen, mit denen die Scheiben gegen Bruch gesichert wurden, die letzten sichtbaren Spuren der Wochen der Angst.

Tel Aviv – "die Stadt, die niemals schläft" – kocht über vor Leben. Die Cafés sind voll wie immer (und teuer wie nie zuvor), Parkplätze auch nach Mitternacht an der Strandpromenade nicht zu finden. Wer in sein will, der geht zu "Hans", einem schwäbischen Konditor namens Bertele, der sich in Tel Aviv niedergelassen und in kurzer Zeit zwei Geschäfte aufgemacht hat. Vor seinem Café in der Ben Jehuda Straße warten die Menschen geduldig, bis drinnen Plätze frei werden. Niemand spricht hier von Krieg, niemand will an die Tage im Januar und Februar erinnert werden.

Im Auge des Orkans

Und wer in Jerusalem, wo keine Raketen einschlugen, der Konflikt mit den Palästinensern aber präsenter ist als in Tel Aviv, von mehreren Ambulanzen überholt wird, die mit Sirene und Blaulicht einem Einsatzort entgegenrasen, kann nicht mehr davon ausgehen, daß wieder ein Palästinenser Amok gelaufen ist. Es können auch sowjetische und äthiopische Neueinwanderer sein, die sich in einem "Absorptionszentrum", einem ehemaligen Hotel, eine Schlacht liefern, weil beide Gruppen glauben, die andere werde bevorzugt behandelt. Bei einer Auseinandersetzung dieser Art wurden Ende August vier russische Juden durch Messerstiche verletzt. Der brachialen Konfrontation war ein verbaler Streit vorausgegangen. Die russischen Juden nannten die äthiopischen "schwarze Faulenzer", die äthiopischen Juden schimpften die russischen "betrunkene Kommunisten". Auch an diese Art der Normalität, welche die bislang gepflegte Ideologie von "Wir sind ein Volk" relativiert, haben sich die Israelis schnell gewöhnt.

Man kann in Israel wie im Auge des Orkans leben und von dem Sturm, der draußen Häuser abdeckt und Bäume umknickt, nichts mitbekommen. Es gibt noch immer eine gespenstische Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Da wird in einem Jerusalemer Museum eine Ausstellung über "sowjetische und israelische Kunst um 1990" eröffnet, da wird zwischen der Hebräischen Universität und der medizinischen Hochschule von Quingdao in China ein Austauschprogramm vereinbart, da findet der fünfte internationale Kongreß über Drogenmißbrauch statt – und zugleich mit alledem meldet das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge den Tod des tausendsten Palästinensers seit dem Ausbruch der Intifada.

Der siebzehnjährige Daniel Kolosian wurde von einer Streife der Grenzpolizei bei Unruhen in der Altstadt von Ramallah erschossen. Diese Nachricht scheint niemanden aufzuregen, was vermutlich damit zusammenhängt, daß auch die Intifada kaum jemanden noch aufregt. Der Armee-Bericht für die Monate Juli und August nennt für Judäa und Samaria, wie die Westbank amtlich heißt, 97 Molotowcocktails, 15 Anschläge mit Handgranaten, 24 Schießereien, 45 verwundete Soldaten und 43 verwundete Zivilisten. Die verwundeten und getöteten Palästinenser werden nicht genannt.

Je nachdem, für welche Position man sich entscheidet, kann man sagen: Das Land hat sich gewaltig verändert. Oder: Es ist alles so, wie es immer war. Über 300 000 sowjetische Juden, die seit 1989 ins Land kamen, sind weder zu überhören noch zu übersehen. Auf den Straßen wird russisch gesprochen, spielen russische Musiker, die vor kurzem noch in großen Orchestern saßen; es gibt ein halbes Dutzend neue russische Wochenzeitungen. Dasselbe gilt, in geringerem Maße, für die über 30 000 äthiopischen Juden. Auch sie fallen auf. Schon gibt es die ersten äthiopischen Restaurants an der zentralen Busstation in Tel Aviv, zweifellos eine Bereicherung für die israelische Küche. Zugleich aber geht der israelische Alltag wie gehabt weiter. In den Zeitungen erscheinen die gleichen langatmigen Artikel, in denen die Kommentatoren ihren Lesern zum x-ten Male erklären, was die Palästinenser alles falsch machen und warum die PLO als Verhandlungspartner nicht in Frage komme; es wird über vorgezogene Neuwahlen gestritten und über Maßnahmen zur Eindämmung der Inflation. Und als gelte es zu beweisen, daß die alten Parolen noch immer die besten sind, erklärt Jossi Ben Aharon, ein Vertrauter von Ministerpräsident Schamir, die israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten dienten dem Friedensprozeß, denn: "Wenn die Araber begreifen, daß wir auf immer und ewig hier sind, und zwar nicht nur in den Grenzen von 1967, sondern in ganz Eretz Israel, dann werden sie auch einen Modus vivendi mit uns finden."

Alles ist anders – wie immer

Heirat in Paraguay

Über 200 000 Israelis leben heute jenseits dieser Grenzen, 104 000 auf der Westbank und im Gaza-Streifen und 128 000 in den Vororten von Jerusalem, die außerhalb der "grünen Linie" gebaut wurden. Dennoch: Jossi Ben Aharons, das heißt Schamirs Meinung über die friedensfördernde Besiedlung der besetzten Gebiete ist nicht so absurd, wie sie klingt. Obwohl Israel bestehende Siedlungen ausbaut und neue gründet, ohne auf Warnungen aus Washington zu hören, sind fast alle arabischen Staaten bereit, an einer Friedenskonferenz teilzunehmen, nimmt die politische Bedeutung Israels zu. Eben hat Portugal zum ersten Mal einen Botschafter nach Tel Aviv entsandt, wurden diplomatische Beziehungen mit Albanien aufgenommen, nachdem schon die Beziehungen zu allen osteuropäischen Staaten normalisiert wurden. Außenpolitisch steht Israel so stark da wie lange nicht mehr, innenpolitisch schlingert es, wie eh und je, von einer Krise zur nächsten. Verteidigungsminister Mosche Arens nennt den Finanzminister Jitzchak Modai "unseren Feind", weil der den Verteidigungshaushalt um eine halbe Milliarde Schekel kürzen möchte. Die Ultrarechten drohen die Koalition zu verlassen, falls Israel einer Friedenskonferenz zustimmt, und die Religiösen verlangen härtere Maßnahmen gegen Verletzungen der Sabbat-Ruhe in öffentlichen Betrieben – als ob das Land keine wichtigeren Probleme zu bewältigen hätte.

"Wenn man Israel überdachen würde", sagt der Exberliner Gad Granach, der seit 1936 alle Kriege und Krisen miterlebt hat, "dann wäre es eine geschlossene Anstalt." Verrücktheiten kommen sogar bei dem wenigen Guten vor, das es zu registrieren gibt. Da hat ein dreißigjähriger Palästinenser aus Gaza eine Israelin geheiratet – in Paraguay, weil es in Israel für Angehörige verschiedener Konfession keine gesetzliche Eheschließung gibt, im Ausland geschlossene Ehen aber anerkannt werden. Danach zog der Palästinenser zu seiner Frau und beantragte seine Anerkennung als "Neueinwanderer" nach dem "Gesetz der Rückkehr", das sowohl für Juden wie für deren nichtjüdische Ehepartner gilt. Die geforderte Anerkennung wurde ihm vom Innenministerium verweigert, worauf der Mann das Oberste Gericht anrief. Das hat nun das Innenministerium aufgefordert, binnen 45 Tagen zu begründen, warum es den Palästinenser nicht als Neueinwanderer anerkennen will. Nach der gängigen Praxis des Gerichtshofs kommt das einer Abmahnung gleich, die Maßnahme durchzuführen, bevor das Gericht sie formell anordnet. Der Mann aus Gaza hat gute Chancen, der erste Palästinenser zu werden, dem das "Gesetz der Rückkehr", das vom israelischen Parlament gleich 1948 beschlossen wurde, zu seinen Bürgerrechten verhilft. Und wie immer, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, stellen die Kinder Israels wieder die Frage: Ist es gut für die Juden? Oder ist es schlecht für die Juden?