"Im Krieg waren wir wie gelähmt, danach geschockt, und jetzt sind wir noch zynischer als vorher", sagt Robert Rosenberg, der vor zwanzig Jahren aus den Vereinigten Staaten eingewandert ist, "nur so können wir überhaupt weiterleben ..." Während des Krieges saß Rosenberg mit Frau und Tochter, die Gasmasken aufgesetzt, in einem abgedichteten Zimmer. Die Scud-Raketen flogen über ihre Köpfe; eine schlug ein paar Häuserblocks weiter in einem Laden ein – ohne zu detonieren. "Ich glaube, unser Kreischen war noch lauter als der Krach der Raketen", sagt Rosenberg grinsend. Am Wohnzimmerfenster sind noch Klebestreifenabdrücke zu sehen, mit denen die Scheiben gegen Bruch gesichert wurden, die letzten sichtbaren Spuren der Wochen der Angst.

Tel Aviv – "die Stadt, die niemals schläft" – kocht über vor Leben. Die Cafés sind voll wie immer (und teuer wie nie zuvor), Parkplätze auch nach Mitternacht an der Strandpromenade nicht zu finden. Wer in sein will, der geht zu "Hans", einem schwäbischen Konditor namens Bertele, der sich in Tel Aviv niedergelassen und in kurzer Zeit zwei Geschäfte aufgemacht hat. Vor seinem Café in der Ben Jehuda Straße warten die Menschen geduldig, bis drinnen Plätze frei werden. Niemand spricht hier von Krieg, niemand will an die Tage im Januar und Februar erinnert werden.

Im Auge des Orkans

Und wer in Jerusalem, wo keine Raketen einschlugen, der Konflikt mit den Palästinensern aber präsenter ist als in Tel Aviv, von mehreren Ambulanzen überholt wird, die mit Sirene und Blaulicht einem Einsatzort entgegenrasen, kann nicht mehr davon ausgehen, daß wieder ein Palästinenser Amok gelaufen ist. Es können auch sowjetische und äthiopische Neueinwanderer sein, die sich in einem "Absorptionszentrum", einem ehemaligen Hotel, eine Schlacht liefern, weil beide Gruppen glauben, die andere werde bevorzugt behandelt. Bei einer Auseinandersetzung dieser Art wurden Ende August vier russische Juden durch Messerstiche verletzt. Der brachialen Konfrontation war ein verbaler Streit vorausgegangen. Die russischen Juden nannten die äthiopischen "schwarze Faulenzer", die äthiopischen Juden schimpften die russischen "betrunkene Kommunisten". Auch an diese Art der Normalität, welche die bislang gepflegte Ideologie von "Wir sind ein Volk" relativiert, haben sich die Israelis schnell gewöhnt.

Man kann in Israel wie im Auge des Orkans leben und von dem Sturm, der draußen Häuser abdeckt und Bäume umknickt, nichts mitbekommen. Es gibt noch immer eine gespenstische Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Da wird in einem Jerusalemer Museum eine Ausstellung über "sowjetische und israelische Kunst um 1990" eröffnet, da wird zwischen der Hebräischen Universität und der medizinischen Hochschule von Quingdao in China ein Austauschprogramm vereinbart, da findet der fünfte internationale Kongreß über Drogenmißbrauch statt – und zugleich mit alledem meldet das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge den Tod des tausendsten Palästinensers seit dem Ausbruch der Intifada.

Der siebzehnjährige Daniel Kolosian wurde von einer Streife der Grenzpolizei bei Unruhen in der Altstadt von Ramallah erschossen. Diese Nachricht scheint niemanden aufzuregen, was vermutlich damit zusammenhängt, daß auch die Intifada kaum jemanden noch aufregt. Der Armee-Bericht für die Monate Juli und August nennt für Judäa und Samaria, wie die Westbank amtlich heißt, 97 Molotowcocktails, 15 Anschläge mit Handgranaten, 24 Schießereien, 45 verwundete Soldaten und 43 verwundete Zivilisten. Die verwundeten und getöteten Palästinenser werden nicht genannt.

Je nachdem, für welche Position man sich entscheidet, kann man sagen: Das Land hat sich gewaltig verändert. Oder: Es ist alles so, wie es immer war. Über 300 000 sowjetische Juden, die seit 1989 ins Land kamen, sind weder zu überhören noch zu übersehen. Auf den Straßen wird russisch gesprochen, spielen russische Musiker, die vor kurzem noch in großen Orchestern saßen; es gibt ein halbes Dutzend neue russische Wochenzeitungen. Dasselbe gilt, in geringerem Maße, für die über 30 000 äthiopischen Juden. Auch sie fallen auf. Schon gibt es die ersten äthiopischen Restaurants an der zentralen Busstation in Tel Aviv, zweifellos eine Bereicherung für die israelische Küche. Zugleich aber geht der israelische Alltag wie gehabt weiter. In den Zeitungen erscheinen die gleichen langatmigen Artikel, in denen die Kommentatoren ihren Lesern zum x-ten Male erklären, was die Palästinenser alles falsch machen und warum die PLO als Verhandlungspartner nicht in Frage komme; es wird über vorgezogene Neuwahlen gestritten und über Maßnahmen zur Eindämmung der Inflation. Und als gelte es zu beweisen, daß die alten Parolen noch immer die besten sind, erklärt Jossi Ben Aharon, ein Vertrauter von Ministerpräsident Schamir, die israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten dienten dem Friedensprozeß, denn: "Wenn die Araber begreifen, daß wir auf immer und ewig hier sind, und zwar nicht nur in den Grenzen von 1967, sondern in ganz Eretz Israel, dann werden sie auch einen Modus vivendi mit uns finden."