Ordnung, lese ich in einem demnächst erscheinenden Buch von Gabriel Laub, das den Titel "Unordnung ist das ganze Leben" führt, sei absolut "Wenn sie nicht perfekt ist, ist sie schlimmer als Unordnung: Sie hält dann nicht, was sie verspricht, und kann einen Menschen, der sich auf sie verläßt, in den Wahnsinn treiben Und genau diese Erfahrung ist, wie sich vermuten läßt, dem Schwaben Louis L. Leitz (1848 bis 1918) so oft passiert, daß ihm eines Tages, nachdem er wahrscheinlich "Ich werde wahnsinnig!" ausgerufen hatte, der Kragen platzte und er eine Erfindung machte. Sie wird mit patentamtlicher Akkuratesse als "Briefordner mit Hebelmechanismus" umschrieben. Gleich sei hinzugefügt, daß der tüchtige Mann sein alsbald führendes Unternehmen zur Herstellung von (inzwischen über achthundert) Büroorganisationsmitteln und einrichtungen 1871 in Stuttgart Feuerbach gegründet hat.

Es floriert heute blütenreicher als je, weil allen Menschen, die es mit "Papieren" zu tun haben, mit amtlichen oder privaten, daran gelegen ist, Herrn Leitzens wunderbare Erfindung zu Hilfe zu nehmen, um zu erreichen, was das Lexikon unter nung" definiert, nämlich "einen sinnvollen Zusammenhang von Elementen, die nicht Teilglieder eines Ganzen, sondern selbst Größen oder Wesen sind, deren Beziehung zueinander einem bestimmten, auch gelegentliche Änderungen überdauernden Gesetz unterstehen". Zwar ist hier ein die Biologie und die Philosophie betreffendes Phänomen gemeint, weshalb wir es eben auch mit Teilgliedern eines Ganzen aufnehmen; aber es trifft ja auch, sagen wir, auf jene Ordnung zu, die unsereinem dabei behilflich ist, das Mißtrauen von Finanzämtern lächerlich zu machen und uns in unserer Korrespondenz und auch sonst mit uns zurechtzufinden.

Seit 1886, der Erfindung des verbesserten "Leitz Registrators", ist der Name eins mit dem Gegenstand, den er bezeichnet. Man erwirbt ja meist nicht einfach "einen Ordner", sondern ordert "einen Leitzordner" — so wie man trotz vieler anderer, gar nicht unbedingt schlechterer Sorten immer noch nach "Tempotaschentüchern" oder "Leibnizkeksen" verlangt und auf den Wunsch nach einer "Flasche Kölnisch Wasser" das von 4711 erwartet — so daß man auf einmal beim Backpulver zu stutzen beginnt: Gab es eigentlich je ein anderes als das von Doktor Oe ? (Klar!) Nun ist der Bombenerfolg des sei.

Louis L. Leitz nicht bloß sein Name, denn es gibt noch einen anderen Leitz, Ernst L zu weiland Jena, welcher mit der Leica und anderen optischen Meisterwerken Ruhm auf sich geladen hat — sondern es ist das Produkt, das ihn bis in die Umgangssprache gebracht hat: der Ordner.

Den erkennt man seit alters auf einen Blick:

seltsam schwarzgraumelierte Deckel, im oberen die zwei länglichen, mit Metall gefaßten Öffnungen für die beiden manchmal herausragenden Bügel im Inneren, auf dem Rückenschild die "chinesisch" gepinselten Lettern LEITZ, und seit 1911 das runde Griffloch unten, vor allem aber die "Seele, der Hebel, der die beiden Bügel öffnet oder schließt, und die Klemmspange mit dem Drücker, der die Papiere beisammenhält. Ohne Frage: eine geniale Erfindung, die noch von keiner Variante, es sei denn durch bunte Farben und glatte glänzende Deckel übertroffen, durch unpraktische Mechaniken eher bekräftigt wurde.

Natürlich wäre der Ordner nichts, gäbe es nicht den kleinen, mit ihm gleichsam auf Leben und Tod verbundenen Apparat: den Locher. Ohne Locher kein Ordner — und ohne Ordner keine Ordnung. Natürlich muß man sich im klaren darüber sein, daß Gabriel Laub, da er ein Satiriker ist, recht hat "Der Ordnung", so beschließt er die Titelgeschichte seines neuen Buches, "muß man sich unterordnen — mit einer vernünftigen Ordnung kann man sich arrangieren Tröstlich, daß das eine wie das andere aber nur das halbe Leben ist.