Von Michael Schmitz

Zagreb, im September

In Sisak gehen die Menschen wieder auf die Straße. In den Tagen vor der Feuerpause war die Front bedrohlich nahe an die kroatische Stadt herangerückt. Dauernd schrillten Luftalarme. Über die Dächer donnerten Mig-Bomber. Sekunden später waren Abschüsse der Bordraketen zu hören, anschließend die krachenden Einschläge. Nur wenige Kilometer von der Stadt entfernt schossen Panzer und Haubitzen.

Sisak, nur sechzig Kilometer südlich von Zagreb gelegen, ist die letzte kroatische Bastion in der Region Banija. Das übrige Gebiet kontrollieren die serbischen Freischärler. "Ich glaube nicht, daß der Waffenstillstand lange halten wird", meint ein kroatischer Gardist: "Die Armee will keinen Frieden. Außerdem ist ein großer Teil Kroatiens von ihr besetzt. Damit können wir uns natürlich nicht abfinden. Wir müssen diese Gebiete befreien."

Die Hauptstraße in den Südwesten führt von Sisak aus nicht weiter. Dort lauern serbische Scharfschützen. Außerdem geht der Weg in den serbischen Teil von Petrinja, und der liegt auf der anderen Seite der Front. Der dringende Ratschlag lautet: Wenn Sie in das kroatische Petrinja wollen, nehmen Sie den Weg über Brest. Doch hinter Brest geht es nicht weiter. An der Brücke über die Kupa wird es gefährlich. Maschinengewehrschüsse sind zu hören und Einschläge von Mörsergranaten. In Petrinja gilt die Feuerpause nicht.

Bereits einen Tag vor der Vereinbarung des Waffenstillstandes hatten Migs die kroatischen Stellungen an der Brücke bombardiert und alle Nachschubwege abgeschnitten. Aus der Kaserne in Petrinja feuerte die Armee mit schwerem Geschütz. Die Stadt brannte. Für die Nationalgarden war sie nicht mehr zu halten. Von Petrinja, so erzählen Flüchtlinge, sei ohnehin nicht mehr viel übrig. Die meisten kroatischen Bewohner hätten den Ort aus Angst vor wütenden Tschetniks verlassen. Nationalgardisten berichten von Massakern an Kameraden. "Wer nicht flüchten konnte, den haben die Tschetniks mit ‚kalten Waffen‘ abgeschlachtet" – mit Messern und Beilen. Die kroatischen Nationalgarden sind bis Brest zurückgewichen. Durch die Zielfernrohre ihrer Gewehre beobachten sie die Brücke. Drei Panzerabwehrraketen liegen bereit. Ein kräftiger Bursche lädt ein Maschinengewehr. – Ob er schon einmal damit geschossen hat? "Nein", sagt er, "bisher noch nicht." Von Beruf ist er Maurer. Vor zehn Jahren hat er zwar in der Armee gedient, seither jedoch keine Waffe mehr in der Hand gehabt. Einen klaren Einsatzbefehl gibt es nicht. Die Garden sollen die Straße Richtung Sisak sichern, damit die Armee nicht weiter vorrückt. Tatsächlich verhindern Armee und serbische Freischärler, daß die Kroaten nach Petrinja zurückkehren. Haben sie Angst? "Wer keine Angst hat", sagt der Mann mit dem Maschinengewehr, "der ist verrückt."

Seit dem Bürgerkrieg ist Sinisa Dvorski in Kroatien ein Held. Sie nennen ihn Rambo. Der Muskelmann führt eine Spezialeinheit der Nationalgarde. Erst vor drei Wochen durch Granatsplitter an Kopf und Armen verletzt, ist Rambo schon wieder an der Front. Jetzt wartet er mit seiner Truppe in der Nähe von Brest. Er ist unzufrieden, weil sie Petrinja nicht angreifen dürfen. "Wir müssen eine Großoffensive starten, die Armee vernichten. Wir haben genügend Kämpfer und Waffen. Unfähig sind nur unsere Kommandeure. Sie dürfen uns nicht länger zurückhalten."