Von Martin Durm

Draußen am Stadtrand von Gizeh haben 70 000 Menschen ihre Existenz auf einen bröseligen Fels aus sandbraunem Kalkstein gebaut. 73 Meter ist er lang, zwanzig Meter hoch, und morgens oder am Nachmittag floriert das Touristengeschäft in seinem mächtigen Schatten. Der Löwenleib mit dem Menschenkopf ist neben den Pyramiden von Gizeh das populärste der pharaonischen Monumente. Er lockt mit einem uralten Lächeln die Fremden zum Nil, er ernährt auch die Einwohner von Nazlet el Seman, die zu seinen Füßen ihre Hütten und Häuser bauten: Kameltreiber, Goldschmiede und Pferdekutscher wie Chalid Moadamed.

Es ist Mittagspause in Nazlet el Seman, Radiomusik tönt aus dem offenen Fenster eines Papyrusladens, zwei knochige Gäule scharren im Sand, und unter einer verdorrten Palme kaut Chalid nachdenklich auf dem Mundstück seiner Wasserpfeife herum. "Die Sphinx", sagt er, "ist für uns wie ein Gott. Wohlstand, Brot, Geld, alles gibt uns die Sphinx." Chalid weiß aber auch, daß der Segen des Kolosses schon bald zum Fluch werden könnte.

Die Regierung in Kairo hat in den vergangenen Jahren erkannt, daß der Touristenstrom vor Gizeh den pharaonischen Denkmälern mehr schadet als nützt. Getränkebuden, Parkplätze und Souvenirläden verschandeln den Schauplatz, mit ihrem Zivilisationsmüll ist die wuchernde Siedlung für Archäologen zu einer akuten Bedrohung geworden. Die lokale Bevölkerungsexplosion in Nazlet el Seman hat das Grundwasser unter den pharaonischen Monumenten nach oben getrieben, so hoch, daß der ohnehin poröse Korpus der Sphinx allmählich von Salzkrusten überzogen und aufgeweicht wurde. Autoabgase und Abwässer sind in die Poren der Sphinx gedrungen und haben zentnerschwere Steinbrocken aus ihren Flanken gelöst. Die Wächterin der Pyramiden schien sich selbst aufzulösen. Als 1988 auch noch ein Zwei-Tonnen-Brocken der rechten Schulter in den Wüstensand plumpste, stürzte mit ihm auch der bis dahin amtierende Direktor von Gizeh, Ahmed Qadri.

Ägyptens Regierung hatte damals genug von dilettantischen Restauratoren und halbherzigen Altertums-Funktionären. Seit zwei Jahren regiert nun Zaki Hawass über Pyramiden und Sphinx, ein energischer, kompetenter Archäologe, der nicht nur Symptome, sondern auch Ursachen bekämpft. Im Frühjahr ließen die Behörden Nazlet el Seman kanalisieren, und der Wasserspiegel senkt sich nun wieder kontinuierlich. Ägyptische Experten werden in den kommenden zwei Jahren die Sphinx vom Kopf bis zu den Pranken sanieren; mit der Hingabe von Schönheitschirurgen haben sie bereits etliche Zivilisations-Narben geglättet und die schwächsten Stellen mit Kalkstein gefüllt. Aber das alles ist für die Altertumsforscher zu wenig.

"Dieses schreckliche Dorf macht uns alles kaputt", sagt Professor Rainer Stadelmaier vom Deutschen Archäologischen Institut in Kairo. Die "anarchische Siedlung" und der "alltägliche touristische Wahnsinn" von Gizeh würden Sphinx und Pyramiden auch künftig bedrohen, deshalb brauche man radikale Methoden. Ähnlich denkt sein Kollege Hawass. Der Direktor für ägyptische Altertümer möchte einen internationalen Fonds gründen und die Einwohner von Nazlet el Seman umsiedeln lassen. Etwa fünf Kilometer außerhalb Gizehs sollen die 70 000 Menschen in Wohnblocks eine neue Heimat bekommen. Von dort aus würden sie dann täglich mit Bussen zu den Pyramiden verfrachtet, wo sie einem kontrollierten Tourismusgeschäft nachgehen könnten. Weg mit den Imbißbuden und Reklametafeln neben der Sphinx, weg mit den geteerten Straßen und Bogenlampen, und vor allem weg mit den Häusern, die den Blick auf die Monumente versperren – das ist die Devise von Dr. Hawass. Der Mann will zurück in die Zeiten der Pharaonen.

"Ein verrückter Plan", sagt Chalid Moadamed. Er nimmt eine tiefen Zug aus der Wasserpfeife und spuckt auf den Boden. "Wir sind doch keine Ziegenherde, die sich einfach herumtreiben läßt." Sein Großvater und Vater, seine Brüder und Neffen sind hier zu Hause. Wer in den staubigen Gassen von Nazlet el Seman aufwuchs und schon als Kind mit Touristen sein Geld verdiente, dem sind die baufälligen Häuser aus Backstein und Lehm lieber als betonierte Neubaugebilde. Dennoch muß sich Chalid wohl über kurz oder lang aufs Gehen einrichten.