Das muß das Höchste sein in der Karriere eines nun auch hauptstädtischen Kultursenators: den Kollegen zeigen zu können, wer der Größte ist im ganzen Land. Dem in Hamburg, wie man das macht, einem Theater einen hochkarätigen künstlerischen Leiter zu besorgen; denen in den "neuen Bundesländern", wie man über Geld nicht redet oder klagt, sondern es ausgibt – auch wenn man es nicht hat; allen zusammen, wie man die "Einigung" tatkräftig realisiert.

Möglicherweise ist Daniel Barenboim vor zwei Jahren Opfer kühl gestrickter machtpolitischer Intrigen geworden, als Präsident Mitterrand den Vertrag mit dem musikalischen und künstlerischen Leiter der Pariser Bastille-Oper über Nacht zerreißen ließ und damit eine Bereicherung verhinderte, die abenteuerlich gewesen wäre: Grundgehalt plus vierzig Konzerthonorare gleich zwei Millionen Mark jährlich, Dienstwohnung samt Frei-Telephon weltweit, Dienstwagen, sechs Dienst-Tickets allabendlich, zwei Flugtickets erster Klasse wohinauchimmer, Steuererleichterung von 300 000 Mark – das alles bei einer Anwesenheit von vier Monaten pro Jahr.

Länger freilich wird der künftige Leiter der Berliner Lindenoper, die ja wieder erstes Haus am geeinten Platze werden soll, auch nicht zur Stelle sein müssen (zum Vergleich: Sawallisch in München: sieben Monate; Abbado in Wien, Levine in New York, Albrecht in Hamburg: sechs Monate) – allerdings für diese vier Monate auch nur eine Million bekommen: 250 000 Mark Festgehalt plus dreißigmal 24 000 Mark Abendgage. Hätte er den Vertrag nicht zynischerweise unterschreiben sollen, als letzte Woche Mitterrand in Berlin weilte? Aber da tätigte Barenboim gerade in Chicago Dirigiergeschäfte, schließlich ist er dort Chef der Symphoniker. Trotz deren Salär, der Pariser Abfindung und den lumpigen paar Tantiemen der Deutschen Grammophon muß der Mann kurz vor dem Verhungern stehen, so daß das Berliner Notopfer vielleicht gerade noch rechtzeitig kommt.

Nicht ganz so einfach wird es für Herrn Senator werden, wenn er etwa den Bühnenarbeitern ebenjener Lindenoper begründen muß, warum sie für eine annähernd gleiche Arbeit immer noch nur knapp die Hälfte der Bezüge ihrer Kollegen von der ("West"-Berliner) Deutschen Oper erhalten; oder den ("Ost"-)Opernbesuchern, daß immerhin an die tausend von ihnen benötigt werden, damit sie mit drei Prozent ihres monatlichen Nettoeinkommens die Abendgage des dirigierenden Barenboim bezahlen; aber auch dem vor gar nicht so langer Zeit angeheuerten Dirigenten Vladimir Ashkenazy und dessen Musikern des ("West"-)Berliner Radio-Sinfonie-Orchesters, daß sie aus finanziellen Gründen in Zukunft nicht mehr gebraucht, also "abgewickelt" werden; den Leitern diverser Berliner Theater, daß sie Abstriche von fünf Prozent bei ihrem künstlerischen Etat hinzunehmen haben; allen Beamten und Angestellten im Öffentlichen Dienst aus den "alten" Bundesländern, die für den Aufbau der Verwaltungs-Infrastruktur in den "neuen" so dringend benötigt würden, daß sie sich gefälligst mit nur sechzig Prozent ihrer bisherigen Bezüge zufriedengeben sollen; dem ("West"-)Berliner Intendanten, warum dessen Gehalt nach zehn Dienstjahren ganze 20 000 Mark (jährlich) über dem eines ehemaligen Rundfunkredakteurs liegt, der unter dem künstlerischen Leiter Barenboim als "Intendant" debütiert; schließlich allen Rentenempfängern in der ehemaligen DDR, die bei ihrem Minimalsatz verstehen möchten, daß ein pensionierter Theaterverwaltungsdirektor aus Bremen sich unter Barenboim noch mal mit 230 000 Mark gesundstoßen darf.

Der jährliche Mehrbedarf, ließ die Kulturbehörde wissen, betrage jährlich 1,6 Millionen Mark – im Juli freilich hatte der Senator schon gemutmaßt, der Zuschuß von zur Zeit 60 Millionen für die Lindenoper (Deutsche Oper: 90 Millionen) werde über kurz oder lang auf 110 Millionen steigen müssen. Na ja, und wenn das Geld nicht da ist, müssen wir eben wieder die Steuern erhöhen. Und der parteilose Senator braucht nicht einmal seine Wiederwahl im Auge zu haben. Heinz Josef Herbort