Noch einmal über Neapel: Reiseliteratur für die Gebildeten unter ihren Verächtern. Deutsche Wanderintellektuelle plagen seit Jahrhunderten die Welt der Leser mit ihrer Beobachtungsgabe und dem Glauben, daß sie einen ganz eigenen Blick auf die Fremde haben.

Adorno machte sich auf Capri über die rucksacktragenden "Herren aus Sachsen" lustig. Benjamin lieferte den lokalen Reedereien einen Werbespruch für alle Zukunft: "Vom Meere aus Neapel zu lieben ist leicht." Angelockt von niedrigen Lebenskosten, entwarf der Soziologe Alfred Sohn-Rethel zwischen 1924 und 1926 in der Gegend von Neapel seine "Kritik der subjektivistischen Ökonomie" (Kracauer und Adorno hielten damals nicht viel davon). Daneben schrieb er über diesen Aufenthalt Erzählungen und Essays wie "Das Ideal der Kaputten" (Über neapolitanische Technik; Wassmann Verlag, Bremen 1990; S., 20,– DM). Drei neu abgedruckte Texte zeigen wie wenig sich geändert hat – und wie leicht beim Anblick mediterraner Folklore der Blick verschwimmt, selbst hinter der schärfsten Frankfurter Nickelbrille.

An diesen Beschreibungen ist alles so echt, wie es dem Flaneur scheint: die Hühner in den Papierkörben der Universität, Kühe und obdachlose Mütter in den Kirchen, "vollkommen harmonisch" beieinander; Gassenjungen sind die wahren Stadtherren. Vor dem Vesuv wird die Sprache feierlich – "bedrückend schön" ist sein Krater. Viel genauer sieht Sohn-Rethel dorthin, wo die Technik ins Alltagselend eindringt: ein Kranz von Osrambirnen um das Haupt der Madonna. Das Verhältnis des Neapolitaners zur Maschine weist immer auf die Fügungen des Himmels. Der heißgeschundene Motor eines Bootes dient auch zum Kaffeekochen. Das stimmt den Soziologen zuversichtlich trotz aller Bedrohungen des Lebens. Statistiken über Lungenkrebs widerlegen ihn heute.

Einiges hat sich doch geändert in Neapel. Aus Kostengründen wurde kürzlich ein neapolitanischer Spielfilm in Istanbul gedreht – neben Neapel die einzige europäische Großstadt mit Elendskulissen von Weltrang. Und die Herren aus Sachsen kommen schon wieder vereinzelt; noch treten sie etwas leiser auf als die aus Hessen.

Franz Haas