Besuch bei einem Star. Man kennt das: "O.k., kommen Sie schon rein. Aber nur für fünf Minuten, und dann zum Teufel mit Ihnen." Nein, von einem herzlichen Empfang konnte nicht die Rede sein, als sich Humphrey Bogart und der Hollywood-Reporter zum ersten Mal begegneten. Eigentlich sprach alles dafür, daß dieser Auftrag mit einer Katastrophe enden würde. Doch Sid Averys geniale Balance zwischen Hartnäckigkeit und Taktgefühl sorgte schnell für Entspannung; und aus den fünf Minuten wurde eine Woche, aus dem Eindringling der verwöhnte Hausgast, der sogar an Bord des Segelbootes mitgenommen wurde. Lauren Bacall war gerade im fünften Monat schwanger und das neuerworbene Heim am Mapleton Drive noch nicht komplett eingerichtet; doch schon schnarchten die drei Boxer vorm Kamin, und Papa Bogart schaut seinem Kleinen (Steven) in die Augen, echter verliebt als in "Casablanca".

Bogart konnte es sich leisten, ruppig mit Verfolgern umzuspringen. Eben hatte er einen Oscar für "African Queen" entgegengenommen, während Bacall noch mit ihrem Film "Wie angelt man sich einen Millionär?" (mit Marilyn Monroe und Betty Grable) ein furioses Comeback nach der Babypause bevorstand.

Daß auch rauhe Kerle daheim am liebsten ganz normale Papis sind, weisen die Bilder dieses Bandes gleich dutzendfach aus. Was macht es da, daß Steve McQueen, hier beim Wickeln als vernarrter Vater zu sehen, gelegentlich seine Ehefrau verprügelte? In dieser Sitcom mußte Platz sein für die ganze heilige Familie. So nah waren Amerika seine Idole noch nie zuvor gekommen. Hier wurde der Mythos der Leinwand-Helden, Schurken und Diven auf Vorstadtniveau gestutzt: in der Küche damit beschäftigt, ein Ei in die Pfanne zu schlagen (Paul Newman). In der Cocktailschürze beim Barbecue im Garten (Rock Hudson). Mit einem überquellenden Pappkarton auf dem Weg zur Mülltonne (Marlon Brando).

Der die Sterne auf den Boden des Banalen holte, war Sid Avery, Reportagephotograph für Blätter wie Life, Look und Saturday Evening Post. Zu jener Zeit, als das Fernsehen auf die Filmindustrie plötzlich bedrohliche Schatten warf, waren die Studios gern zu jeder Art von PR-Assistenz bereit. "Mit Paul Newman und Joanne Woodward war es so normal und entspannt wie bei Nachbarn", sagt Avery, später (und kaum zufällig) erfolgreicher Produzent von Werbespots. "Heute wäre das ganz unmöglich. Die Stars halten ihr Privatleben unter Verschluß. Zwischen ihnen und dem Photographen herrscht Krieg."

Damals aber war diese Welt der Stars die Metapher des American dream: Jeder kann es schaffen. Die biederen, verlogenen Fünfziger in Amerika waren die Ära unbegrenzten Selbstvertrauens in amerikanische Werte. Vergessen waren die Auswüchse des Starkults der vorangegangenen Dekade. Das Image wurde aufpoliert, indem das Überlebensgroße sich als stabil, gutmütig und total normal präsentierte.

Mag sein, daß dies im ursprünglichen Kontext der Illustrierten, wo diese Photos als sorgsam eingestreute, seltene Trouvaillen rangierten, auch funktionierte. In der Rückschau erregt die massive Ansammlung von Durchschnittlichkeit und Bravheit Verdacht. Die ursprüngliche Absicht der suggerierten (und doch nie eingelösten) Nähe dekuvriert sich und gewinnt eine eigene Dynamik. Abgebildet wird die vorsichtige Überhöhung und Stilisierung von Alltäglichem, bis es die Werte der Mittelklasse illustriert. Mit allen Verdrängungen und Verlegungen, die damit zwingend verbunden waren. Der homosexuelle Rock Hudson – wirkt er nicht überzogen in seinem Bemühen, den "ganz normalen" Mann abzugeben? Es ist nicht unser Wissen um seine Geschichte und sein Ende (Rock Hudson starb 1985 an Aids), die diese Pose im nachhinein so doppelbödig macht; nein, tatsächlich kehrte er den Macho so übertrieben hervor, in der Sorge, auch nur ein Quentchen weniger könnte ein Hinweis auf die Wahrheit sein.

Sid Averys Hollywood-Schinken teilt die Eigenschaft der Filme: Er ist professionell inszeniert. Und er erzählt mehr über die Epoche seiner Entstehung, als er eigentlich verraten wollte.