Warum nur sind Zeitungen so unendlich langweilig? Darum: Viele Journalisten glauben immer noch "viel hilft viel". Soll heißen: Recht hat, wer viele Worte verliert. Grundverkehrt. Wöchentlich führt uns das seit kurzem die Burda-Illustrierte Bunte vor, die sich konsequent der Abschaffung des vollständigen Satzes verschrieben hat. In neun Zeilen Bildunterschrift der abgeschlossene Roman. Das ist Gebrauchslyrik, ist die hohe Kunst der Reduktion und liest sich so:

"Bericht über das traurigste Wesen in unserer Gesellschaft. Der verlassene Mann. In der Partnerschaft durchgefallen." Bunte versteht gut, "daß die Gladbeck-Bestie Degowski von seiner Frau verlassen wurde. Aber warum der zärtliche Sexualforscher Wawerzonnek, der Nacht für Nacht fünfmal lieben kann?" Ja, warum nur, warum?

Zum Beispiel: "Wolfgang Bierfreund, 50, Werbeboß. Jahresverhältnis mit Konsalik-Tochter Dagmar, 35. Liebe im Münchener Stil. Party & Bussis & Käfer-Service. Dann Stilbruch: Dagmar wird schwanger. Bierfreund rät ab. Hat die Feuerprobe nicht bestanden. Dagmar schmeißt ihn raus. Will Kind allein. Kann sich’s leisten. Ex-Verlegerin, Millionärin. Bierfreund: tröstet sich. Er hat eine Neue. Sie heißt auch Dagmar." Das waren neun Zeilen und 365 Tage im Leben von Dagmars Bierfreund. Buntes Rhythmus ist der Interruptus. Das gelungene Exposé für ein Fernsehdrehbuch mit Werbeblock von Münchens Edelimbiß Käfer.

Auch darum überlebte Bunte bis heute. Darum ist Bunte so schön. Sie weiß, wie das Leben seine kleinen Karos strickt. Sie kennt die letzte Masche. Und auch, was dann kommt. Wenn der Faden auf Erden gerissen ist. Während des Golfkriegs kommentierte sie Photos vom Abschied der US-Soldaten von ihren tapfer winkenden Bräuten mit der Prophezeiung: Für viele gibt es ein Wiedersehen im Himmel. – Und? Hatte Bunte nicht recht behalten?

Warum hassen alle Bunte? Und warum lieben alle Bunte? Weil alle glauben, sie seien besser als Bunte. Bessere Menschen. Bunte mag auch bessere Menschen lieber. Bessere Menschen sind Stoff für Bunte. Die Droge Tratsch. Bessere Menschen haben eine Traumzukunft. Aufgebaut auf einer verruchten Karriere. So ist das Leben, das Bunte am kalten Büfett zurichtet. Scheibchenweise gemischter Ausschnitt. Prominente Schlachteplatte. Sie ist mehr als nur eine deutsche Illustrierte.

Was für ein Mensch ist Bunte? Hier das von ihr persönlich entwickelte Psychogramm: Bunte Burda, aufregende 37, klatschsüchtige Top-Dealerin (970 000 verkaufte). Typ: moralisch-schlüpfrig. Eleganzfaktor: weißes Kaschmirkostüm. Geheimnisse: geborener Transvestit. Ist unter dem Namen Michaela von Graeter penetrante Plauderschnute und Reporterin auf der Straßenkarte Schicksal. Ernährung: Crème caramel. Die Antwort auf Brigittes Müsli. Bodystyling: Sex. Kommt einmal wöchentlich. Schönheitsfaktor geistig: Nicht viele Wörter machen. Alzheimer aus Prinzip. Seelenlage aktuell: Ein Lächeln im Knopfloch. Oder: Auch Rothaarige müssen ergrauen.

Bunte lügt nie. Auf Ehre. Probieren Sie es aus. Hier der heiße Bunte-Tip: "Am 31. 10. startet der letzte Pan-Am-Flug von Berlin-Tegel (buchen, fliegen, Bordsouvenirs mitnehmen!). Danach fliegt die Bankrott-Airline nur noch zwischen Nord- und Südamerika." Fasten seat belt!

Viola Roggenkamp