Von Dirk Kurbjuweit

Berlin, im September

Nach all den klugen Analysen, zum Beispiel vom Redaktionsleiter der tageszeitung (taz) oder vom Geschäftsführer, sagt Doris aus der EDV-Abteilung einen erfrischenden, vielleicht sogar den entscheidenden Satz: "Wir wollen halt nicht mehr mit dem Rucksack nach Griechenland trampen." Große Krisen haben manchmal banale Ursachen.

Als die taz vor über zwölf Jahren gegründet wurde, war ein Billigtrip nach Griechenland für manchen Mitarbeiter noch eine große Sache, und deshalb reichte ein mickriger Einheitslohn. "Aber wir sind jetzt älter", sagt Doris, "und da muß es schon einmal ein richtiger Urlaub sein, mit Erholen und so." Bei einem Monatslohn von 1550 Mark netto ist das nur schwer möglich, auch wenn man, wie Doris, eine Wohnung für nur 350 Mark hat und im Winter Kohlen die Treppe hinaufschleppt.

Die taz hat viele Krisen überlebt, die jüngste Krise aber ist die schwerste. "Sowohl formal, was die Selbstverwaltung angeht, als auch inhaltlich, was die Ideen und den Sinn der Zeitung betrifft, ist dieser Laden am Ende", schrieb Redakteur Mathias Bröckers neulich in einem internen Diskussionsheft an seine Kollegen. Eine bemerkenswerte Parallele: Während im Osten Deutschlands das sozialistische Modell zerbröselt ist, könnte nun im Westen die letzte Bastion des Einheitslohns stürzen.

Nächsten Mittwoch wollen die Mitarbeiter über die Zukunft der taz entscheiden. Auf der Tagesordnung steht eine Art Revolution von rechts: Aus dem rührig-chaotischen Alternativbetrieb soll eine professionelle Zeitung werden. Wenn dies nicht gelingt, droht der endgültige Abschied vom buntesten Tupfer im deutschen Blätterwald.

Weiterwursteln geht nicht mehr. Die Auflage sank vom ersten bis zum dritten Quartal 1991 um rund 10 000 auf 70 000 Exemplare. Nach dem ersten Halbjahr stand ein Minus von 400 000 Mark unter der Bilanz. Bei einem Jahresumsatz von 28 Millionen Mark ist das nicht dramatisch, aber es könnte bald schlimmer kommen. Kein anderer Zeitungsmarkt ist so umkämpft wie der in Berlin. Sechzehn Blätter liegen dort jeden Morgen am Kiosk. Die taz, die ein Drittel ihrer Auflage in der Hauptstadt verkauft, muß sich bedrohlicher Konkurrenz erwehren, seit die Berliner Zeitung von einer ostdeutschen Einheitspostille zu einem linksliberalen Blatt umfrisiert wurde. Eine sinkende Auflage trifft die taz weit härter als andere Tageszeitungen, da sie nur fünfzehn Prozent ihrer Einnahmen mit Anzeigen erzielt, während es normalerweise 65 Prozent sind.