Von Erich Hackl

Lange bevor das unscharfe, mehr dem politischen Wunschdenken als dem kulturellen verpflichtete Zauberwort Mitteleuropa zu Ehren kam, wurde hin und wieder die versunkene Welt Pannoniens als Inbegriff nationaler Vielfalt beschworen. Die gleichnamige römische Provinz hatte einst ein Gebiet umfaßt, das sich heute auf drei, bald vier Länder aufteilt – den Osten Österreichs, das südliche Ungarn, die jugoslawische Provinz Vojvodina.

Der weite Horizont der Donauebene, die Schwermut der Landschaft und die verhaltene Leidenschaft ihrer Bewohner ergriffen viele, die in der kargen Enge und im kulturellen Gleichmaß der Alpen aufwuchsen, und weckten die Sehnsucht nach einem Leben, das der Natur nicht abgerungen wurde, sondern ihr scheinbar mühelos entsprang.

Es gibt nur wenige Werke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die in dieser Region und ihren Menschen wurzeln. Einer, der aus ihr kommt und in seinen Romanen und Erzählungen in sie zurückkehrt, ist Johannes Weidenheim. Weidenheim, 1918 in Backa Topola geboren, dreisprachig aufgewachsen (deutsch, ungarisch, serbisch), gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus seiner Heimat vertrieben, ist ein Autor von hohem Rang. Daß dies lange Zeit kaum jemand wahrhaben wollte, ist weniger der Literaturkritik als den Kalten Kriegern vorzuwerfen: Den Donauschwaben galt der Donauschwabe Weidenheim als unsicherer Kantonist, versöhnlerisch, pazifistisch, bösartig in seiner Weigerung, den Alltag der deutschsprachigen Minderheit zwischen Donau und Theiß nachträglich zu verklären.

Weidenheims "Pannonische Novelle" wird also erst jetzt, fast drei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, aufmerksame Leser finden; ein Publikum, dem nicht an Heimatkunde, sondern an Heimatsuche gelegen ist. Es ist nur zu erahnen, wieviel Mühe es den Autor gekostet hat, den Lebenslauf einer donauschwäbischen Bäuerin, die geboren wurde, "als Marconi die drahtlose Telegraphie erfand", und die 1962, "nachts während eines wilden Traumes", in einem Wiener Barackenlager starb, derart gelassen, leise, konzentriert niederzuschreiben. Denn diese Katharina Delhaes, deren Vorfahren vor Jahrhunderten aus der rheinischen Pfalz zugewandert waren, könnte Weidenheims eigene Mutter gewesen sein. Aber ihr Portrait gerät dem Autor weder zur trotzigen Abrechnung noch zur sturen Verteidigung eines Lebens, dessen Ablauf von Geburt an vorgegeben schien: "Sie wuchs auf, wie Kinder aufwachsen, deren Eltern an Zärtlichkeit und Sprache nur das zum Leben Notwendige erübrigen, weil des Tages Müh und Plag den Rest, den schöneren, besseren Rest verschlingen: gehorsam, widerstandsfähig, anspruchslos wie eine Kaktee, etwas geduckt."

Die "Pannonische Novelle" ist ein schmales, aber kein dünnes Buch. Weidenheim ist ein Meister der Aussparung; lesend gewinnt man den Eindruck, er habe von einer umfangreichen Rohfassung in zahllosen Arbeitsgängen alles weggestrichen, was den Blick auf diese Frau und den Blick dieser Frau auf die Welt verstellen könnte. Allerdings beschränkt sich der Verfasser nicht auf die äußeren Stationen einer Biographie. Der Lebenslauf der Katharina D. ist exemplarisch, aber er ist zugleich einzigartig, das heißt nur dieser Frau eigen. In den spröden Sätzen gewinnt sie Gestalt, auch wenn sie "die gleichen glockenförmigen, bis zu siebenfach übereinanderliegenden Röcke" trägt wie alle anderen Donauschwäbinnen, "die gleiche Schürze, die gleichen wollenen Strümpfe, die gleichen Lederpantoffeln oder gestrickten, lederbesohlten Patschkern, das gleiche Leibchen, das gleiche Umschlagtuch, das gleiche Kopftuch".

Kindheit, Jugend, Mutterschaft inmitten "einer schweigsamen Welt bäuerlicher Hinnahme" beschreibt Weidenheim auf wenigen Seiten, ohne dabei das Besondere an dieser Frau zu unterschlagen, ihre Sehnsucht als Mädchen, das Feuer zu sehen, ihren Traum vom geflügelten Kalb, das es auf seinem Rücken durch die Luft davonträgt. Kaum verheiratet, ist Katharina auch schon verwitwet: Die große Welt, die immer nur in Gerüchten – vom Glanz der Stadt Budapest, vom Unglück des alten Kaiserhauses zu Wien – in die kleine Welt des Dorfes dringt, hat sie zum ersten Mal getroffen. Der Verlust prägt – da können ihr selbst die völkischen Propagandisten aus dem fernen Deutschland, "an das man keine Erinnerung mehr hatte außer der unklaren Gewißheit, daß man ursprünglich von dort stammte", diese große Welt nicht mehr schmackhaft machen.