Von Helmut Schmidt

Die SED-Diktatur in der DDR stützte sich auf die Macht der Sowjetunion; als die SU aus Erkenntnis ihrer eigenen Interessen die SED-Herrschaft preisgab ("Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben"), brach diese alsbald zusammen. Die nationalsozialistische Diktatur stützte sich dagegen auf eigene Macht, diese war materiell und psychologisch gewaltig und total.

Deshalb, so schreibt Friedrich Georgi, darf man den in den Jahren 1989/90 erfolgreichen Widerstand gegen die SED-Diktatur nicht vergleichen mit dem 1944 erfolglosen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Unter den Nazis "kam alles auf die Haltung der Wehrmacht an". Aber die "führende Generalität hat zu großen Teilen ihre Verantwortung ... trotz eindringlicher Mahnung Becks nicht erkannt und damit die Mitschuld für den Krieg und seine Folgen auf sich geladen".

Dies ist ein hartes Urteil. Aber der Major i.G. Georgi war keineswegs ein Gegner des Militärs, im Gegenteil. Jedoch hatte er das Glück, seit dem Sommer 1942 in seinem Schwiegervater, dem Chef des Allgemeinen Heeresamtes General Friedrich Olbricht, einen Mann zu treffen, der Georgis eigene Vorstellungen von der Notwendigkeit eines militärischen Umsturzversuches bestätigte – und der längst an dessen Vorbereitung arbeitete. Olbricht folgte der Erkenntnis, die Generaloberst Ludwig Beck im Juli 1938, also zu einer Zeit, als Hitler den Einmarsch in die Tschechoslowakei vorbereitete, für die "höchsten Führer in der Wehrmacht" formuliert hatte: "Soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo ihr Wissen, ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbietet."

Dr. Friedrich Georgi, 1917 geboren, 1935 als Fahnenjunker in die Luftwaffe eingetreten, heute und schon seit Jahrzehnten angesehener Buchverleger in Berlin, fußt mit wesentlichen Teilen seines Buches auf einer Niederschrift, die er unmittelbar nach dem Attentatsversuch am 21. Juli 1944 verfaßte und die er – trotz Gestapo-Haft und Durchsuchungen – vor dem Zugriff hat bewahren können.

Er war am 20. Juli nachmittags bei Olbricht, der in der Annahme, Stauffenbergs Attentat sei geglückt, die vorbereiteten "Walküre"-Fernschreiben zur Übernahme der vollziehenden Gewalt durch die Wehrmacht hatte herausgeben lassen und der jetzt zur Einsicht des Fehlschlages gelangt war. Friedrich Fromm, der Befehlshaber des Ersatzheers, ließ in der Nacht zum 21. Juli Staufenberg, Beck, Olbricht, Mertz von Quirnheim und Haeften erschießen – es gelang ihm damit allerdings nicht, seinem eigenen Schicksal zu entgehen. Georgi jedoch konnte entkommen und die Papiere, die sein Schwiegervater ihm gab, weil sie im Falle der Auffindung Mitverschworene ans Messer geliefert hätten, auftragsgemäß aus dem Heeresamt herausbringen und vernichten.

Georgis Niederschrift enthält die letzten Worte, die Olbricht ihm gesagt hat: "... ich weiß mit Sicherheit, daß wir alle frei von irgendwelchen persönlichen Motiven gehandelt haben und nur in einer schon verzweifelten Situation das Letzte gewagt haben, um Deutschland vor dem völligen Untergang zu bewahren. Ich bin überzeugt, daß unsere Nachwelt das einst erkennen und begreifen wird." Diese Erkenntnis hat sich in der Tat nach dem Kriege durchgesetzt.