Von Judith Reicherzer

Punktsieg für die Briten. Die Londoner Firma Tate & Lyle’s, größter Zuckerhersteller der Welt, bringt einen neuen Süßstoff auf den Markt. Am 11. September hat Kanada als erstes Land der Welt Sucralose, ein Zuckerderivat, als Zusatzstoff für Lebensmittel erlaubt. "Sechshundertmal süßer als Zucker, ohne Kalorien und ohne Gefahr für die Zähne", lobt der Süßstoffmanager von Tate & Lyle’s, Peter Eatherley, das Produkt. Damit ist es dreimal so stark wie Nutra Sweet, der derzeit beliebteste Süßstoff. Und es läßt sich, im Gegensatz zu Nutra Sweet, erhitzen.

Eatherley ist denn auch sicher, mit Sucralose den Süßstoffmarkt im Sturm zu erobern. "In Kanada wird heute jährlich für 25 Millionen Dollar Süßstoff verkauft. In den nächsten vier Jahren wollen wir mit Sucralose das Volumen verdoppeln", sagt Eatherley. Doch das ist erst der Anfang des geplanten Siegeszuges. "Sehr bald", hofft der Manager, bekomme Sucralose die Zulassung in den Vereinigten Staaten, "und in zwei Jahren ist Europa dran".

Jetzt ist Tate & Lyle’s Sucralose der süßeste Süßstoff am Markt. Doch lange werden die Briten diese Spitzenstellung nicht halten können. Der Hauptkonkurrent Nutra Sweet, eine Tochter des amerikanischen Pharmakonzerns Monsanto, ist nämlich gerade dabei, ein noch süßeres Produkt zu entwickeln. Anfang Oktober werden die Amerikaner den neuen Supersüßstoff in Paris präsentieren: Sweetener 2000. Er soll 10 000mal süßer sein als Zucker und in zwei Jahren erstmals auf den amerikanischen Markt kommen. Das Problem dabei: Die Megasüßen müssen so an Trägerstoffe gebunden werden, daß sie für Industrie und Verbraucher zu dosieren sind.

Süß, süßer, immer süßer. Ob Japan, Europa oder Amerika, das Wettforschen um einen neuen künstlichen Zuckerersatz ist in vollem Gange. Schließlich boomt die Branche wie noch nie. Hat der Weltmarkt heute ein Volumen von einer Milliarde US-Dollar, so rechnen die Experten von Tate & Lyle’s 1995 bereits mit 1,5 Milliarden – und das, obwohl der größte Süßstoffmarkt, die Vereinigten Staaten, bereits die Sättigungsgrenze erreicht hat. Jeder zweite Amerikaner greift inzwischen zur "Süße ohne Reue". Aber Europa zieht rasch nach: In der Bundesrepublik verwenden inzwischen 33 Prozent der Männer und sogar 39 Prozent der Frauen die künstliche Süße.

Light ist eben in. Während der westdeutsche Lebensmittelmarkt insgesamt in den vergangenen Jahren stagnierte, legten die diätetischen Produkte regelmäßig 5 bis 6 Prozent Umsatz zu. Der Absatz von diätetischen Erfrischungsgetränken etwa, derzeit der Haupteinsatzbereich für Süßstoffe, stieg im vergangenen Jahr in Westdeutschland um 36,1 Prozent auf über 370 Millionen Liter. Auch der Umsatz von Tafelsüßen, die Diabetiker und kalorienbewußte Verbraucher in ihren Kaffee mischen, ist im Vorjahr – mit Hilfe der ostdeutschen Konsumenten – um 13 Prozent gestiegen. Die deutschen Verbraucher gaben allein für diese Haushaltssüßstoffe 160 Millionen Mark aus.

Grund für den Boom ist nicht nur das herrschende Schlankheitsideal. Seit den achtziger Jahren wächst auch das Gesundheitsbewußtsein in den westlichen Industrienationen. Und falsche Ernährung gilt heute, noch vor dem Rauchen, als Hauptursache für Zivilisationskrankheiten. Darunter hat auch das Image des Zuckers gelitten. "Verbraucher betrachten Süßstoffe zunehmend als selbstverständlichen Bestandteil der Ernährung und verwenden sie gerne als leichte und gesunde Alternative", stellte der deutsche Süßstoffverband im Mai dieses Jahres zufrieden fest. Der Bedarf wächst, das Wettforschen lohnt sich.