/ Von Willi Jasper

Du weißt längst, daß es mein liebster Wunsch ist, einmal Journalistin und später eine berühmte Schriftstellerin zu werden", teilte Anne Frank ihrer Tagebuch-"Kitty" am 11. Mai 1944 mit. Themen habe sie bereits genug. Nach dem Krieg wolle sie "auf jeden Fall" ein Buch mit dem Titel "Das Hinterhaus" herausgeben. Als "Grundlage" solle ihr Tagebuch dienen. Dazu kam es nicht. Wir kennen das traurige Ende. Das Versteck der jüdischen Familien Frank und van Pels im Hinterhaus der Amsterdamer Prinsengracht 263 wurde verraten. Anne starb im März 1945 im KZ Bergen-Belsen, zwei Monate vor der Befreiung Hollands. Die Originale der Tagebuchaufzeichnungen, bestehend aus drei Schulheften, einem Päckchen loser Blätter und einem Album, konnten gerettet werden.

Der einzige Überlebende der Familie, Annes Vater Otto Frank, stellte noch 1945 aus den verschiedenen Textversionen des Nachlasses eine Abschrift her und bemühte sich um eine Veröffentlichung. Zunächst ohne Erfolg. Ein katholischer Verlag lehnte wegen der "Intimität" der Äußerungen ab. Öffentliches Interesse für das Vorhaben erweckte dann vor allem ein Artikel des niederländischen Publizisten Jan Komein in der Tageszeitung Het Parool. 1946 schrieb er? daß "in diesem scheinbar unbedeutenden Tagebuch eines Kindes, in diesem Stammeln einer Kinderstimme ‚de profundis‘ alle Abscheulichkeit des Faschismus verkörpert [sei], mehr als in allen Akten der Nürnberger Prozesse zusammen". Für ihn war das Tagebuch zugleich ein "humanes Vermächtnis", das es gelte lebendig zu erhalten, damit der "Kampf gegen das Tier im Menschen" nicht noch einmal verlorengehe.

Mehrere Verlage zeigten sich jetzt interessiert. Im Sommer 1947 brachte der Verlag Contact dann die Aufzeichnungen unter dem Titel "Anne Frank. Het Achterhuis. Dagbookbrieven van 14. Juni 1942 – 1. August 1944" heraus. 1950 erschien die deutsche Fassung, im gleichen Jahr und 1952 folgten eine französische und eine englische Übersetzung. Inzwischen ist das "Tagbuch der Anne Frank" weltweit in über fünfzehn Millionen Exemplaren verbreitet. Allein die deutsche Taschenbuchausgabe von 1955 kam bis heute auf eine Auflage von 2,3 Millionen. Die Aufführung der dramatisierten Fassung des Tagebuchs 1956/57 an 61 Bühnen der Bundesrepublik war die erfolgreichste Inszenierung der Nachkriegszeit.

Nach Anne Frank sind auf der ganzen Welt Schulen, Straßen, Kinderdörfer und Kirchen benannt. Ihr Wunsch, "eine berühmte Schriftstellerin" zu werden, hat sich also erfüllt. Anne Frank ist nicht nur Symbolgestalt des jüdischen Schicksals geworden, sondern gilt generell als literarisches Sinnbild der menschlichen Isolation. Die Faszination ihrer Aufzeichnungen erklärt sich aus einer Mischung von Begabung, moralischer Kraft und ungebrochener Kinderfröhlichkeit. Da gibt es für ein junges Mädchen erstaunliche Reflexionen über Begriffe wie "Glück" und "Angst" und gleichzeitig romantische Sehnsüchte (wie erste Liebeserfahrungen), die sie mit anderen Gleichaltrigen teilt. Der Gedankenreichtum und die Ehrlichkeit der Tagebuchaufzeichnungen lassen Anne Frank als einen außerordentlich klugen und sympathischen jungen Menschen in Erinnerung bleiben.

Kein Wunder, daß von Rechtsradikalen und in ihrem Dunstkreis operierenden "Historikern" (zuletzt von David Irving) immer wieder Fälschungsvorwürfe laut wurden. Schon 1958 hat der Schriftsteller Ernst Schnabel mit einer biographischen Spurensicherung und Zeitzeugenbefragung ("Anne Frank, Spur eines Kindes") die Haltlosigkeit dieser Behauptungen belegt. Dennoch wurde Otto Frank auch danach noch mehrfach in Verleumdungsprozesse verwickelt. Der ideologische Kern der Fälschungspropaganda lag in der Behauptung, das Tagebuch solle "Schuld verewigen" und die "nationale Selbstbesinnung der Deutschen" verhindern. Um die Fälschungsgerüchte endgültig aus der Welt zu schaffen, hat das Niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation 1986 eine textkritische Ausgabe der Originaltagebücher herausgegeben, die seit 1988 auch in deutscher Übersetzung (S. Fischer) vorliegt.