Zwei Brüder treffen sich nach 23 Jahren wieder: Kommt die Gerechtigkeit aus dem Gewehr?

Von Marie-Monique Robin

Der Brief kam aus heiterem Himmel: "Lieber Paco, ich hätte gern, daß du mich besuchst, damit du dieses Volk kennenlernst, das inzwischen mein Volk geworden ist. Nach 23 Jahren Trennung lade ich dich ein, mein Alltagsleben zu teilen, und sei es nur für einige Tage. Dieser Vorschlag hat sicherlich einige Risiken. Überlege es dir gut, und gib mir bald eine Antwort. Dein Bruder Manuel".

Diese Worte hat Francisco oft und oft gelesen, bevor er sich entschied. "Ich hatte schon eine Riesenlust, meinen Bruder wiederzusehen", bekennt er, "aber da ich Spanien nie verlassen hatte, kam es mir wie ein unvorstellbares Abenteuer vor, dorthin zu fahren."

"Dorthin" – das ist Kolumbien, wo sein einziger Bruder seit 22 Jahren heimliche Wege geht. Zu dieser Vorsicht hat er allen Grund: Der 48jährige Manuel Pérez Martinez steht an der Spitze der "Nationalen Befreiungsarmee" ’(ELN), einer der ältesten und gewalttätigsten Guerilla-Organisationen Lateinamerikas. Der ehemalige Arbeiterpriester trägt die Verantwortung für etwa 340 Sabotage-Anschläge, die zwischen 1986 und 1989 gegen Kolumbiens Wirtschaft verübt wurden. Nach offiziellen Quellen werden die von der subversiven Organisation angerichteten wirtschaftlichen Verluste allein in den sechs ersten Monaten des Jahres 1991 auf 800 Millionen US-Dollar geschätzt. Seit sich Pablo Escobar, der Kokainboß, der Polizei ergeben hat, ist Manuel der meistgesuchte Mann Kolumbiens. Auf seinen Kopf steht eine hohe Belohnung.

All das hatte Francisco schon in den Zeitungen gelesen, bevor er sich entschied, den Atlantik zu überqueren. "Hier", erklärt er, "haben wir immer gedacht, daß Manuel schon gute Gründe für das haben würde, was er tut..."

"Hier", das ist Alfamen, ein von Zaragoza fünfzig Kilometer entferntes 1300-Einwohner-Dorf im Norden Spaniens. Als Landwirt bewirtschaftet Francisco recht und schlecht die zwanzig Hektar des Familienhofes, wo er Wein, Obst und Korn anbaut. Paco, wie er im Dorf genannt wird, ist Vorsitzender einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, auch ein überzeugtes Mitglied der Sozialistischen Partei seit Ende der Franco-Diktatur; im vergangenen Jahr wurde er zum Bürgermeister seiner Gemeinde gewählt. "Ich besitze keine Konquistadorseele", meint Francisco lächelnd. "Wenn meine Frau und meine fünf Kinder mich nicht überzeugt hätten, wäre ich nie hingegangen."