Von Jürgen Krönig

London, im September

Zu Margaret Thatchers Zeiten wäre so etwas undenkbar gewesen: Die Anwältin der "viktorianischen Werte" hätte "die" nicht über die Schwelle von Downing Street 10 treten lassen, protestierte ein konservativer Verband, der sich um die Stellung der Familie in der Gesellschaft sorgt. Nachfolger John Major aber ließ sich nicht irritieren. Er empfing eine Abordnung von Kämpfern für die Rechte der Schwulen und sprach mit ihnen über die Forderung einer Liberalisierung der britischen Gesetze zur Homosexualität.

Die Episode ist in mehrfacher Hinsicht aufschlußreich. "Bürger John", stets um Dialog und Konsens bemüht, demonstrierte, daß er Premier aller Briten sein will. Dabei verliert er nie das Wohl seiner Partei aus dem Auge. Parteistrategen der Tories versichern, eine Fortsetzung der rigiden Politik Thatchers gegenüber der homosexuellen Minderheit könne bei der nächsten Wahl durchaus einige umkämpfte städtische Wahlkreise kosten.

Eins steht jetzt schon fest: Wann immer gewählt wird, das Ergebnis dürfte knapp ausfallen. Nimmt man den Vorwahlkampf, der bereits begonnen hat, als Maßstab, so wird der Kampf um die Wähler erbittert und schmutzig – trotz der Entideologisierung der britischen Politik seit dem Ende der Ära Thatcher und trotz der Parteiführer Major, Kinnock und Ashdown, die viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Alle drei sind Ende Vierzig, gelten als liebenswürdige, angenehme Zeitgenossen und vollbrachten auf den Bildungseinrichtungen ihres Landes nicht gerade intellektuelle Glanzleistungen; alle drei haben sich im Verlauf ihrer politischen Karriere zu gemäßigten Pragmatikern entwickelt und wissen, daß ihre Parteien weniger trennt, als sie es Wählern und Parteifreunden gegenüber einzugestehen wagen.

Für alle drei steht viel auf dem Spiel. Wenn die Labour-Partei es diesmal nicht schafft, erhält sie das Stigma der Daueropposition; Parteichef Neil Kinnock dürfte dann anders als nach der Niederlage von 1987 selbst von seiner traditionell langmütigen Partei abserviert werden. Paddy Ashdown bliebe zwar als Chef der Liberaldemokraten ungefährdet; aber ihm und seiner Partei stünden weitere vier bis fünf graue, deprimierende Jahre bevor, wenn sie es erneut nicht schafft, die ersehnte Rolle des Züngleins an der Waage zu spielen. John Major schließlich ginge als belanglose Fußnote in die Geschichte ein: schnell hochgekommen, noch schneller tief gefallen, zu jung, um mit Anstand auf den Polstern des Oberhauses Platz zu nehmen. Im Falle eines Labour-Sieges müßte er womöglich ohnehin einer gewählten zweiten Kammer weichen.

Wann aber wird nun gewählt, schon im kommenden November oder erst im Frühsommer 1992? Bis dahin nämlich könnte sich Major Zeit lassen, dank einer Verfassung, die dem Regierungschef das Privileg einräumt, den Wahltermin binnen einer Fünfjahresfrist selbst zu bestimmen. In den vergangenen beiden Wochen steigerte sich das Vorwahlfieber beinahe zur Hysterie, angeheizt durch Umfragen, die den Tories nach einer langen Durststrecke erstmals wieder einen Vorsprung vor Labour bescheinigten. Die Euphorie wurde gedämpft, als ein Meinungsforschungsinstitut Labour doch wieder mit vier Prozentpunkten vorne liegen sah. Wenn irgend möglich, wird Major versuchen, sich noch im November das heißersehnte Mandat vom Wähler bescheren zu lassen.