Lothar de Maizière und seine 176 Tage als letzter Ministerpräsident der DDR

Von Nina Grunenberg

Als Lothar de Maizière im Oktober 1989 der Vorsitz der Ost-CDU angetragen wurde, klärte er die Gedanken und Gefühle, die über ihn hereinstürzten, in einem langen nächtlichen Gespräch mit seiner Frau Ilse. Bis vier Uhr in der Frühe fielen den beiden nur Gründe ein, nein zu sagen. "Aber dann meinte sie", erinnerte sich de Maizière, ‚"es wird noch irgendeinen Grund geben, es trotzdem zu tun‘. Da sagte ich: ‚Wenn es doch gelänge, durch Reformen und Änderungen eine Gesellschaft zu schaffen, in der unsere Kinder in der Schule nicht mehr lügen müssen.‘ Meine Frau antwortete: ‚Das hättest du auch schon um Mitternacht sagen können, dann hätte ich schon ja gesagt. Tu‘s.‘"

Nach der gewonnenen Volkskammerwahl am 18. März letzten Jahres, als er Ministerpräsident der DDR werden sollte, beriet er sich wiederum mit seiner Frau. Aber diesmal tat er es mit schlechtem Gewissen, denn frei war er nicht mehr. "Es war unfair", sagte er im nachhinein. "Sie hatte mich inständig gebeten, es nicht zu tun, und hatte mir nur gesagt: ‚Das bist du nicht.‘ Sie kann bis heute nicht verwinden, daß ich das Amt übernommen habe."

Aus dem Privatmann war nolens volens ein Politiker geworden – und ein Mensch in seinem Widerspruch. Er hatte es gewollt, wenngleich seine Natur widerstrebte. In Erinnerung blieb ein Photo vom Tag seiner Wahl zum Ministerpräsidenten am 12. April 1990: Die Arme vor der Brust verschränkt, nahm er den Beifall der Abgeordneten in der Volkskammer entgegen. Die Körpersprache verriet Abwehr. Am Abend der Volkskammerwahl am 18. März hatte ihn "ein animalischer Schreck" durchzuckt, als ihm aufging, daß es kein Zurück mehr gab. Sollte de Maizière noch mit dem Gedanken gespielt haben, sich zu verweigern, so sorgte Generalsekretär Volker Rühe dafür, daß er ihn wieder aufgab. "Erst die Wahl gewinnen und dann nicht Ministerpräsident werden, das wäre ein Tschernobyl für die Politik", hatte er gedroht.

Die Würde der DDR-Deutschen

Lothar de Maizière ahnte wohl eher, als daß er es schon sicher wußte: Die Wahl vom 18. März setzte seinen Träumen von einem allmählichen Zusammenwachsen der beiden Deutschland ein Ende. "Er hatte sich in den Gedanken verbissen", schreibt Innenminister Wolfgang Schäuble in seinem Rechenschaftsbericht "Der Vertrag", "daß sich die DDR erst aus eigener Kraft in Ordnung bringen müsse und daß erst danach eine Vereinigung beider deutscher Staaten in Frage kommen könne. Und als er durch die Wahlen vom 18. März zum Regierungschef der DDR berufen worden war, machte er sich dies auch ganz persönlich zur Aufgabe. Es ging ihm dabei vor allem um die Würde der Deutschen in der DDR, für die vierzig Jahre ihres Lebens ja nicht völlig umsonst gewesen sein können."