Von Fritz J. Raddatz

Beginnen wir mit einer Pointe (dem anekdoten-satten Werk Ernst Blochs nicht unadäquat): "Das Prinzip Hoffnung", 1938 bis 1947 im amerikanischen Exil geschrieben, ist gewidmet "Meinem Sohn Jan Robert Bloch"; das Mai/Juni-Heft 1991 der Ostberliner Zeitschrift Sinn und Form (noch herausgegeben von der Akademie der Künste zu Berlin) druckt einen Aufsatz "Wie können wir verstehen, daß zum aufrechten Gang Verbeugungen gehörten?". Der Verfasser heißt Jan Robert Bloch. Die Redaktion weist ihn – ohne Hinweis auf eine Verwandtschaft – als 1937 geborenen Chemiker aus, der an der Universität Kiel Naturphilosophie liest. Es ist der Sohn Ernst Blochs. Sein Essay liefert das bisher wohl schärfste Nachdenken über den Widerspruch der ausgerufenen Utopie angesichts der von ihr mehr verklärten als erklärten, herbeigerufenen Realität: "Der aufrechte Gang bleibt zwar die revolutionäre Würde und Haltung der Unterdrückten; seiner kann indessen nicht mehr im reinen Horizont einer unbefleckten sozialistischen Moral gedacht werden: zu seiner Geschichte gehört die Erniedrigung und Beleidigung, die Demütigung und Unterwerfung Aufrechter durch Aufrechte, gehört die Vernichtung der Menschenwürde, das Zerbrechen des Rückgrats, das Niederknüppeln des aufrechten Gangs, gehört die Auflösung des Rechts mitsamt der Deportation und Ausrottung der Entrechteten: zur Geschichte des aufrechten Gangs gehören die unfaßbaren Verbrechen der Aufrechten, die unvergeßlichen Opfer der Aufrechten. [...] Der aufrechte Gang ist von ‚Stahlgewittern‘ umgeben sowie von einer nicht nur durch Deutschland berüchtigt gewordenen Militärweise der Eroberer begleitet: Augen zu und durch. [...] Ringsum jedoch geschah greifbares Unrecht und nicht überliefertes – Blochs Fernrohr sah es nicht. [...] Stalins Blutterror wurde ja von ihm philosophisch und propagandistisch gedeckt."

Was hier vorliegt ist nicht etwa eine "Abrechnung", sondern – auf hohem intellektuellen Niveau und aus intimer Lebenskenntnis gespeist – die dreißig Seiten lange Frage: Gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen der Struktur des Blochschen Denkens und seinem politischen Nicht-Wahrnehmen der Wirklichkeit? Gibt es einen Kausal-Nexus zwischen dem "Lederstrumpf der Utopie" (wie Jan Robert Bloch seinen Vater nennt), dem Tatsachen stets verächtlich waren und der – so wenig Marx je seinen Fuß in eine Fabrik setzte – die Sowjetunion nie gesehen hat, und der von ihm beschworenen kommunistischen Eschatologie, deren Möglichkeitsentwurf als "ultravioletter Welttraum das dialektisch-greifbare Jetzt überlagen"? Zum quälenden Problem, wie ein von Bildung Strotzender, perfekt Informierter und des Denkens wahrlich Fähiger die Moskauer Prozesse verteidigen, Trotzkij verdammen, Feuchtwangers peinliches Tribunal-Buch preisen, Koestler als McCarthy-Schoßhündchen denunzieren und zum Slansky-Prozeß schweigen konnte, sei – ein letztes Mal – Jan Robert Bloch zitiert: "Das cui bono der Oberlehrer, das ohne Ansehung der Verbrechen zum verdinglichten Prinzip der unabdingbaren Treue zur Sowjetunion geriet, war nicht aufrecht, sondern maßregelnd. Das Maß war nicht der denkende, erkennende, wahrheitssuchende Mensch, sondern die Partei, die immer recht hat. Die Aufrechten lernten: Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist. Sie folgten der Metamorphose: Der Stalinismus ist wahr, weil er allmächtig ist."

Worin lag denn nun aber – für eine ganze Generation, für meine; für mich – das Faszinosum des Blochschen Entwurfs? Mir fällt beim Versuch einer Annäherung, bei der Rückerinnerung an den großen Einfluß Blochs auf den jungen Mann als Antwort ein Paradoxon ein: Diese konkrete Utopie war unspezifisch. Von den berühmten fünf Eingangsfragen "Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?" bis zum nicht minder berühmten Schlußsatz über den seine Geschichte erarbeitenden Menschen "So entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat" – hier wurde der richtungssuchenden Jugend ein Angebot gemacht. Junge Menschen sind ungebärdig, drängen voran, wollen sich abstoßen vom Alten, Neues suchen, ohne zu wissen: Was ist das Neue. Deswegen können solche Sätze – nicht zufällig im Zusammenhang mit dem Dictum "Denken heißt Überschreiten" – einen Sog ausüben: "Die schwindelhafte Hoffnung ist einer der größten Übeltäter, auch Entnerver des Menschengeschlechts, die konkret echte sein ernstester Wohltäter." Für eine Generation, deren Lebensgefühl zwischen "Draußen vor der Tür" und "Wir sind noch einmal davongekommen" sich definierte, war der "Traum nach vorwärts" existentiell. Die Konturen von Debakel und Barbarei wurden täglich deutlicher. Um so intensiver die Suche nach den Konturen eines neuen Kontinents. Bloch übersetzte unser "Das kann doch nicht alles gewesen sein" ins Gebildete: "Das Grundthema der Philosophie, die bleibt und ist, indem sie wird, ist die noch ungewordene, noch ungelungene Heimat." Und da er ein raffinierter Lehrer war, ein Verführer wohl auch, kanalisierte er das hoffende Denken; schon heißt sie die "dialektischmaterialistisch begriffene Hoffnung", und auf geradezu unheimliche Weise, im Ton eines raunenden chassidischen Märchenerzählers, gibt er dem Hunger und der Erwartung die Richtung: "Es sucht die Lage zu verändern, die den leeren Magen, den hängenden Kopf gebracht hat. Das Nein zum vorhandenen Schlechten, das Ja zum vorschwebenden Besseren wird von Entbehrenden ins revolutionäre Interesse aufgenommen. Mit dem Hunger fängt dies Interesse allemal an, der Hunger verwandelt sich, als belehrter, in eine Sprengkraft gegen das Gefängnis Entbehrung. Also sucht sich das Selbst nicht nur zu erhalten, es wird explosiv; Selbsterhaltung wird Selbsterweiterung." In einer historischen Phase, in der noch die CDU von Enteignung der Großindustrie und Sozialismus sprach, klang das wie Verheißung.

Nun aber geschieht bei Bloch – beiläufig bemerkt: wie bei Marx – das Seltsame; er überprüft sein Modell nicht an der Wirklichkeit. Wer, sagen wir, 1949 achtzehn Jahre alt war und Abiturient; wer, sagen wir, 1952 einundzwanzig war und Student (vielleicht bei Bloch in Leipzig) – der kannte nicht Tretjakow oder Isaak Babel, wußte nichts von der verschwundenen Carola Neher oder der verschollenen Asja Lacis. Der 67jährige Bloch, hochinformiert über Kirow oder Trotzkij zurückgekehrt aus dem amerikanischen Exil, bildungssatt von Homer bis zu der von ihm geliebten Florestan-Arie "Wahrheit wagt ich kühn zu sagen und die Ketten sind mein Lohn" – dieser Ernst Bloch wußte. Dieses Wissen lehrte er nicht. Für uns, in den Jahren nach dem Krieg, war Antikommunismus mit dem Namen Goebbels verbunden, und Lehrer wie Bloch zogen uns in die Gleichung Antifaschismus = Sozialismus hinein. Sich selber auch?

Heute wiedergelesen, klingt so manches im "Prinzip Hoffnung" wie Selbstbeschwörung. Wohl nicht zufällig gilt eine der zentralen Passagen der Ablösung von Angst: "Die Hoffnung hat als aufziehende mit der Angst noch ein Stimmungshaftes gemein: nicht als das Unbehauste des Nächtlichen, wohl aber als das Dämmernd-Ausgegossene des Aurorahaften." Das klingt bereits verräterisch – im doppelten Sinne des Wortes. Noch aufschlußreicher ist die Passage über den Tagtraum, dessen "utopisierende Wirkung" nicht zufällig durch die Wortwahl in die Nachbarschaft des Narkotisierens gerückt wird; tatsächlich rückt Bloch den Tagtraum vom besseren Leben in die Nähe des Haschischrauschs, zu dem ihm der Begriff "Utopiegift" unterläuft, den er aber zugleich durch ein Zitat in den eigenen Kontext eingliedert: "Verworrene Pläne, deren Klärung bisher unmöglich schien, glaubt das Individuum entworren vor sich und der Verwirklichung entgegengehen zu sehen." Belustigt und entgeistert zugleich, fragt man sich, ob Bloch selber sich diese zu einer Bluttat ausgesuchten Jünglinge in den glänzenden Gärten des Scheichs, die in einem Wachtraum den Vorgeschmack des Paradieses zu empfinden glaubten, nicht rückübersetzt hat in die eigene Begrifflichkeit; denn nur wenige Seiten später definiert er expressis verbis als Intention der utopischen Bilder das – Paradiesische.

Vergifteter, vergiftender Zauber. Das Malen der besseren Welt in Rot. Bei Bloch kam es von Aurora. Doch es kam auch von Blut. Nicht nur in den Spuren von Blochs vielbeschworenem Rousseau, dessen fanatischer Schüler schließlich Robespierre war; sondern auch im Hause Trotzkijs, in den GPU-Lagern für spanische Anarchisten, im gigantischen Archipel Gulag: Zwanzig Millionen Menschen – genausoviel wie Hitlers Mordkrieg gegen die Sowjetunion – wurden dem Zwang zum Glück geopfert. Das Wahrnehmen dieser Wirklichkeit war Ernst Bloch die "Platitüde des Vorhandenheits-Philisters", der das Antizipierende verwirft und verachtet. Diese Souveränität des Nicht-zur-Kenntnis-Nehmens kann umschlagen in die Gebärde des Verachtens – wenn es stimmt, daß Bloch noch in Tübingen (also Anfang der sechziger Jahre) seine damalige Position gekennzeichnet hat: "Wenn hundert Angeklagte hingerichtet werden und es befindet sich auch nur ein Agent darunter, dessen Wirken zur Niederlage der Sowjetunion und somit zum Sieg Hitlers beitragen würde, so sind die Hinrichtungen gerechtfertigt."

So ist es kein Zufall, daß einer der völlig vagen, peinlich nebulösen Sätze aus dem Anfang des "Prinzip Hoffnung" dem zweiten Band als Motto vorangestellt wird: "Der Akt-Inhalt der Hoffnung ist als bewußt erhellter, gewußt erläuterter die positive utopische Funktion; der Geschichtsinhalt der Hoffnung [...] ist die menschliche Kultur bezogen auf ihren konkret-utopischen Horizont." Das sagt ungefähr so viel über die Utopie aus wie Gertrude Steins Satz über eine Rose; nämlich gar nichts. Das ist das Unspezifische – unter dessen Dach Bloch beheimaten kann, was ihm beliebt. Doch Geschichte kann auch höhnisch zurückblicken auf ihren Interpreten: Daß einer seiner exquisiten Exkurse zur Kunst Rembrandts ausgerechnet jenem "Mann mit dem Goldhelm" gilt, von dem man nun weiß, daß Rembrandt ihn nicht gemalt hat, ist nur lustig. Weniger lustig liest sich 1991 die Philippika gegen die "bürgerliche" und das Lob auf die dereinst die Natur bändigende kommunistische Technik – angesichts von Tschernobyl, der Erntekatastrophen in der Sowjetunion oder der ökologischen Kriminalität der DDR-Bonzen, deren verrottetes Land nun der böse, zugrundegehende Kapitalismus mühevoll entgiften und aufbauen darf. Letzte Unbegreiflichkeit, ja Ungeheuerlichkeit: Der Staat Israel ist Ernst Bloch nicht nur ein "Köter des amerikanischen Imperialismus", sondern selber "ein faschistischer". Das Palästina-Problem sieht er allen Ernstes gelöst durch die Sowjetunion: "Ein Ende des Tunnels ist in Sicht, gewiß nicht von Palästina her, aber von Moskau; – ubi Lenin, ibi Jerusalem." Dazu muß man datieren. Ernst Bloch hat sein Hauptwerk neu durchgearbeitet in den Jahren 1953 bis 1959 – also nach Stalins Tod, in Kenntnis der Chruschtschow-Rede auf dem XX. Parteitag, der antisemitischen Ärzteprozesse in Moskau wie des infamen Slansky-Prozesses in Prag! Für mich hat er mit solchen Sätzen die Würde seines großen Werks beschädigt. So gerne wollte ich ihm mit Oscar Wildes Satz folgen, keine Weltkarte sei eines Blickes wert, die das Land Utopia nicht enthalte. So willig hatte ich bei dem Kenntnisreichen gelernt, "Marx setzte mehr als neun Zehntel seines Schrifttums an die kritische Analyse des Jetzt, und einen verhältnismäßig geringen Platz räumte er Bezeichnungen der Zukunft ein". Und so unwillig, vis-à-vis wohl gültiger Analyse, aber untauglicher Therapie, sehe ich die Hoffnung als Gaukel-Nebel über einem Land zerwabern, das letztlich nicht Utopia heißt, sondern "Animal Farm". Der aufrechte Gang hat zu tiefe Verbeugungen ermöglicht.