Von Christoph Bertram

Er gibt sich zwar gern – auch das gehört zu seinem berechnenden Charme – als Amateur, der ein bißchen in der Politik mitmischt. Im Hauptberuf sei er Bauer und betreibe das Familiengut der Carringtons in Buckinghamshire; auf inzwischen über 400 Hektar hat er es erweitert. Aber nach den Kriterien der EG-Agrarmarktordnung gilt dies eigentlich als Nebenerwerbsbetrieb. Denn Peter Alexander Rupert, 6. Baron Carrington, ist vor allem ein Mandarin der Krone, ein großer Diener des Staates – und der erfolgreichste Berufspolitiker des Vereinigten Königreiches von Großbritannien nach dem Kriege.

Allen Tory-Premiers vor John Major hat er gedient. Als Churchill 1951 noch einmal eine Regierung bildete, stieß er im Oberhaus auf den jungen Lord, der sich so sachverständig zu landwirtschaftlichen Fragen äußerte. Carrington war gerade mit einigen Freunden auf der Jagd, als Number 10 Downing Street anrief. Beim zweitenmal meldete sich Churchill persönlich. "Na, haben Sie gut gejagt?" Carrington bejahte, nicht ganz wahrheitsgetreu. "Wollen Sie an meiner Jagd teilnehmen?" Natürlich sagte er zu.

So wurde der Weltkriegs-Major, Landwirt und Oberhaus-Lord Parlamentarischer Staatssekretär im britischen Landwirtschaftsministerium, später im Verteidigungsministerium, Hoher Kommissar von Australien, Erster Seelord, Anführer des Oberhauses, Verteidigungsminister und schließlich – unter Margaret Thatcher – Außenminister. 1982 trat er nach Ausbruch des Falkland-Krieges zurück. Nicht, wie er später schrieb, weil er sich eigener Schuld bewußt gewesen wäre oder gegen das britische Eingreifen, sondern weil "die Nation spürte, daß sie gedemütigt worden war und jemand dafür die Verantwortung getragen haben muß. Die Demütigung mußte beseitigt werden."

Ende Dezember 1983, mitten im Nachrüstungsstreit, wurde er zum Generalsekretär der Nato ernannt. 1988 nahm er seinen Abschied, schrieb seine Memoiren und wurde Aufsichtsratsvorsitzender des Londoner Auktionshauses Christie’s. Nun hat die Politik den 72jährigen wieder eingefangen und ihm die vielleicht undankbarste Aufgabe seiner Karriere aufgeladen: die Leitung der EG-Friedenskonferenz über Jugoslawien.

Der holländische EG-Ratsvorsitzende hat mit der Ernennung Carringtons einen Geniestreich getan, so offensichtlich ist die Erfahrung des Briten, so unbestritten sein Ansehen, so unangefochten seine Unabhängigkeit. Carrington ist im besten Sinne ein civil servant – ein Diener des Gemeinwesens –, pragmatisch, lösungsorientiert, nur dem gesunden Menschenverstand, der Loyalität zu seinem Auftraggeber und den eigenen Werten verpflichtet: Ein geborener und bewährter Vermittler. Dank dieser Gaben wußte er als Margaret Thatchers Außenminister die ideologische Rechthaberei der Dame ebenso zu zügeln, wie er als Nato-Generalsekretär die freundliche Borniertheit Ronald Reagans abmilderte. Vor schwierigen Aufgaben hat er sich nie gedrückt und notfalls schon morgens um fünf mit den Aktenstudien begonnen, um sich in neue Probleme einzuarbeiten. Carrington, der jeglichen "Konzepten" zutiefst mißtraut, setzt statt dessen auf die praktische Vernunft. Irgendwie, davon ist er überzeugt, muß zwischen Erwachsenen der Kompromiß möglich sein. Nun gehört er nicht zu jenen Briten, die Ausländer als Barbaren betrachten und deshalb wenig von ihnen erwarten. Aber er hat gewiß seine Zweifel, ob die Jugoslawen noch zu den Erwachsenen zu zählen sind. Als Mitte der vergangenen Woche der von ihm ausgehandelte Waffenstillstand schon wieder zerbrochen war, seufzte er: "Wie kann es eine Friedenskonferenz geben, wenn sich alle gegenseitig umbringen!" Und er warnte vor "dem blutigsten Bürgerkrieg, den Europa je erlebt hat".

Inzwischen lud er für diesen Donnerstag zu eher neuen Sitzung der Friedenskonferenz in Den Haag ein. Es ist eben nicht Peter Carringtons Art, vor Schwierigkeiten zu kapitulieren. Er verbindet Tatkraft mit Hartnäckigkeit, Selbstvertrauen mit Fitalismus, Staatsinteresse mit menschlicher Empfindsamkeit. Schon einmal hat er so in auswegloser Lage Frieden stiften können: 1979, als im abtrünnigen Rhodesien der Guerilla-Krieg wütete und die Mehrheit der britischen Konservativen schon bereit war, eine Koalitionsregierung unter dem alten Rebellen Ian Smith und dem schwarzen Bischof Muzorewa anzuerkennen. Binnen drei Monaten schaffte es Carrington, die Bürgerkriegspirteien und ihre Hintermänner im Londoner Lancaster House an einen Tisch zu bringen und der Vernunft eine Bresche zu schlagen, durch die der Frieden einziehen konnte.