Warum die etablierte Konkurrenz den Außenseiter aus Berlin vermissen würde

Von Gunter Hofmann

Gemischte Gefühle gestand die FAZ kürzlich ein, weil die Berliner tageszeitung in einer ernsten wirtschaftlichen Krise steckt. Würde sie untergehen, wäre das ein "Verlust", überschrieb Herausgeber Fritz-Ulrich Fack seinen überraschenden Kommentar. Das Feuilleton des Frankfurter Blattes legte nun nach. Der taz empfahl es eine innere Revolution, damit "eine der interessantesten Stimmen in der Bundesrepublik" gerettet werde.

Mit dem Argwohn, bei dem Bedauern handle es sich um Krokodilstränen, dem übrigens Fack schon ausdrücklich vorzubeugen suchte, sollte man es sich nicht zu billig machen. Tatsächlich würde der mächtigen FAZ etwas fehlen, gäbe es die schmächtige taz nicht. Die einflußreichste unter den überregionalen Tageszeitungen, die sich eine "Zeitung für Deutschland" nennt, und die kleinste in dieser Runde, die sich zuallererst und mit Lust als ostwestdeutsche Zeitung nach dem Mauerbruch verstand, sie stehen in einem merkwürdig komplementären Verhältnis zueinander.

Die taz kann ihr Publikum schwer beschreiben und ihre Wirkung nicht belegen. Dennoch ist an dem Urteil etwas richtig, daß sie eine Institution in der politisch-kulturellen Landschaft der Bundesrepublik geworden ist, die – ähnlich wie die Grünen in ihrer Blütezeit – weitaus bedeutsamer erscheint, als es ihre Auflage verspricht.

Wenn man den zermürbenden Alltag, den Diskussionsdauerclinch, den Dilletantismus, die Fraktionskämpfe im Mitbestimmungsbetrieb, die heimliche Hierarchie mit Einheitssalär nicht selber miterlitten hat, neigt man vielleicht dazu, das Berliner Projekt etwas zu idealisieren. Aber dennoch, man liest und ahnt, daß die taz in der intellektuellen Kommunikation fehlen würde. Daß sie vermißt würde von Medien und Journalisten. In Frankfurt, in München und in Hamburg oder Bonn natürlich auch.

Darauf hat, bevor die große Krise eintrat, Claus Koch mit dem Verdacht geantwortet, die taz genieße nur heuchlerisches Wohlwollen der übrigen Presse und lebe "in radikalisierter Stellvertretung die geheimen Wünsche einer Intelligenz aus, der heute dämmert, daß ihre Erinnerung, sie sei einmal politisch gewesen, womöglich Selbstbetrug ist".