Eine Frauenfrage: "Angenommen, Shakespeare hätte eine Schwester gehabt, eine brillante Schwester, eine Schwester mit einer Begabung zum Schreiben so überragend wie die ihres Bruders." Was dann?

Es gibt auf diese Frauenfrage eine wahre Antwort, eine weibliche, eine naturgemäß schreckliche. Virginia Woolf, die Shakespeares Schwester für ihre Streitschrift "Ein Zimmer für sich allein" erfunden und auf den schönen Namen "Judith" getauft hat, stellt sich das traurige Ende der Geschichte so vor: Judith "brachte sich an einem Winterabend um und liegt nun an einer Wegkreuzung begraben, wo jetzt die Omnibusse halten, außerhalb von Elephant und Castle".

Aber vielleicht könnte man versuchen, die kühne Frauenfrage auch anders zu beantworten. Ein bißchen männlich, ein bißchen märchenhaft, kurzum: albern. Hätte Shakespeare, behaupten wir nun einfach mal, eine geniale Schwester gehabt, wäre die Weltgeschichte, zumindest deren Theaterabteilung, vollkommen anders verlaufen. Dann wäre Judith Shakespeare heute die Königin des Repertoires und Bruder Willi nur ein selten gespielter Außenseiter. Dann müßte man nicht immerzu "Hamlet" sehen und das Stück dabei allmählich hassen; dann gäbe es nämlich Judiths Farce "Hamlets Schwester", in welcher die selbstverständlich wunderschöne Dänenprinzessin tüchtig aufräumt im verfaulten Staate D., während Bruder Hamlet unaufhaltsam dem Starkbier, der Schwermut und der Fettleibigkeit verfällt. Hätte Shakespeare eine Schwester, zweites und letztes Beispiel, dann müßte das Schauspiel Bonn nun auch nicht die neue Spielzeit mit einer nervtötend artigen Darbietung der unsterblichen, leider etwas ranzigen Tragödie "Romeo und Julia" eröffnen, sondern mit Judiths bezaubernder Komödie "Julia", in welcher die Frauen geistreich über Verona regieren und kein öliger Romeo für Unheil und verliebte Langeweile sorgen kann.

Zur Sache. Auf der Werkstattbühne des Bonner Schauspielhauses fand die Uraufführung, die sog. Welturaufführung des ersten Theaterstückes von Susan Sontag statt: "Alice im Bett". Am Anfang des Stücks (erschienen in der Theaterbibliothek des Verlags der Autoren, nur 25 Mark!) steht eine Einführung ins Stück und am Anfang der Einführung eben jene Frage nach Shakespeares Schwester, die auch Susan Sontag nicht erschöpfend beantworten kann.

Dafür hat die Autorin bei ihrem späten Theaterdebüt eine Frau und Schwester gefunden, die wirklich gelebt hat und wirklich und elendiglich gestorben ist: Alice James (1847 bis 1892), die Schwester des Dichters Henry James und des Philosophen und Psychologen William James. Ein geniales Mädchen, von ihren übermächtigen Brüdern geliebt, bewundert, behütet und zärtlichst bevormundet, bis sie unter all den erdrückenden Zuwendungen selber keine Luft mehr bekam. Alices Passion: Depressionen und Selbstmordphantasien mit neunzehn, anhaltende Bettlägerigkeit mit dreißig, Krebstod mit vierundvierzig.

Alice liegt im Bett. "Was ich meistens tue", sagt sie, "ist nichts zu tun." Alice ist eine Verwandte des Schläfers Oblomow und der Mülltonnen- und Sandhaufenmenschen Becketts. Sie ist, auf einem riesigen Stapel Matratzen liegend, die bleiche Schwester der nervösen Märchenprinzessin auf der Erbse. Alice hat den Tatort "Welt" endgültig verlassen, sich im Traumort "Bett" für immer angesiedelt. Das Bett ist der Schauplatz von Geburt, Liebe, Tod – und das Königreich der Imaginationen. "Aber", so befindet Susan Sontag am Ende ihres Vorworts streng, "die Siege der Imagination sind nicht genug."

Dieses Vorwort (warum bloß sind wir immer noch beim Vorwort?) sind fünf Seiten bester Susan-Sontag-Prosa. Das Theaterstück, das den fünf Seiten folgt, ist leider nicht viel mehr als das Nachwort zum Vorwort. Die Ausführung (und Abführung) zur Einführung. Hätte Susan Sontag das Thema "Alice James" in einem biographischen Essay, einem feministischen Pamphlet verhandelt, wären wir gewiß wieder ganz schnell dem intellektuellen Zauber ihrer Rede erlegen – dem gepanzerten Scharfsinn ihrer Argumente, die den Widerspruch nicht kennen und nicht dulden, dem imperialen Glanz, dem herrischen Gestus ihres Vortrags.