ZDF, Montag, 30. September, 19.30 Uhr: "Unser Haus"

Nach einer etwas melodramatischen (mit einem Hochzeits-Happy-End) hat Hartmut Griesmayr nun seine zweite Ost-West-Geschichte fürs Fernsehen inszeniert. Der erste Film entstand zu Zeiten, als man noch träumen durfte und Märchen erzählen von der deutschen Einheit. Dieser zweite Film zur Wiedervereinigung (hier hat das Wort den Klang von "Wiedervereinnahmung" oder schlicht "Zurückeroberung") reagiert auf die ernüchternden ersten Jahre des Zusammenstoßes von Ostlern und Westlern: Das Haus am Schwielowsee hat seit der Maueröffnung zwei Besitzer, die gar nichts voneinander wissen.

Daß es eigentlich ein West-Grundstück war, wußte man im Osten immer. Aber was hieß das schon. Man hat es mehr als dreißig Jahre lang bewohnt, man hat es sich erhalten und erneuert, man hat es irgendwann sogar käuflich erworben vom Rat der Gemeinde. Und eines Tages steht der West-Mensch vor der Tür und verlangt Einlaß. Als wäre das alles seins.

Aber es ist seins! Es ist seine Kindheit und das Lebenswerk seiner Eltern. Es gehört zu ihm, auch wenn er niemanden mehr kennt in der Gegend, auch wenn ihm die Leute dort ausgesprochen fremd sind. Der einzige, der ihn dort mag, ist der Wirt des neueröffneten Restaurants, und der hat spezielle Gründe. Nun soll ein Gericht entscheiden zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen zweierlei Art von Eigentum. Doch das Gericht ist damit überfordert, abgesehen davon, daß eine Klärung sich über Jahre hinziehen würde.

Der Film ist sehenswert, wiewohl er sich nicht durchgängig vom netten Ton der Familienserien lösen kann. Schon durch die Wahl der Darsteller wird manches erzählt, denn die einen stammen von hier, die anderen von dort. Der Junge, der mit der Mutter in den Westen floh, nachdem sie seinen Vater abgeholt hatten in stalinistischen Zeiten, er kommt jetzt zurück: als trauriger Westler, der das verlorene Paradies sucht (Hans-Peter Korff). Der andere ist in seiner DDR-Schwermut befangen, in seinem lang geübten Selbstmitleid. Es sind zwei Miesmuffel reinster deutscher Rasse, die nur in ihren Wutanfällen so etwas wie Lebendigkeit verraten. Er hat das Haus damals von wem zugeschanzt bekommen und wofür? Wer hat den Großvater abholen lassen und mit welchem Recht? Für wen hat der Großvater das Haus gebaut, wenn nicht für seinen Nachfahren? Verliert man ein Recht, wenn man weggeht? Darf man vertrieben werden? Gehört man überhaupt irgendwohin? Kann altes Unrecht durch neues gesühnt werden? Man treibt ab in die Vergangenheit – und taucht bald wieder auf mit einem fairen Deal auf den Lippen: Come together.

Aber so einfach geht es auch in diesem Film nicht zu, er lebt mehr von den Irritationen als von den Wunschvorstellungen der Einheits-Betroffenen. Beim ersten Besuch aus dem Westen ist nur die zwölfjährige Tochter da; der wird die Visite der Fremdvertrauten so unheimlich, daß sie die große Schiffsglocke am Ufer läutet. Und als der Vater kommt, verschlägt es ihm die Stimme, er krächzt und räuspert sich und weiß noch immer nichts zu sagen. Konfrontation ist angesagt, Flüche, zerstochene Reifen und die große Verwirrung. Aber eben auch ein paar gute Gespräche, die sonst nicht nötig wären, ein paar extravagante Gefühle und ein paar offene Fragen. Ist das nichts?

Martin Ahrends