Von Belinda Cooper

BERLIN. – Viele Westdeutsche sind immer noch davon überzeugt: Die Ossis werden bald sein wie wir. Wenn ich das höre, meist in überheblichem Ton, muß ich zusammenzucken, denn: Wie vielen Amerikanern, die ich hier kenne, gefallen mir die Ostdeutschen im allgemeinen besser als die Westdeutschen – und die Aussicht, daß sie sich anpassen könnten, ist eher deprimierend. Dann bliebe nur noch das Westliche übrig, und das kennen wir schon zur Genüge...

Westdeutsche Besserwisserei, zum Beispiel, ist kein neues Phänomen seit der Maueröffnung. Schon lange vorher wurde ich als Amerikanerin von Westdeutschen aller Couleur belehrt. Alle wußten über die USA besser Bescheid als ich, besonders die natürlich, die nie dort waren. Ich wurde ständig über Vietnam und die Indianer aufgeklärt. Neuerdings, während des Golfkriegs, habe ich eine andere Seite dieser Arroganz erlebt, die (west)deutsche Diskussionskultur – eine Kultur des Aneinander-Vorbeiredens. Der Gegner ist grundsätzlich dumm, seine Meinung einfach falsch, und ihr ist nur mit Verachtung zu begegnen. Respekt vor den Ansichten der anderen erkenne ich dabei nirgendwo.

Dazu kommt häufig eine seltsame Unfähigkeit anzuerkennen, daß es eine andere Sicht der Dinge überhaupt geben kann. Ein Beispiel: Man kann Film- oder Buch-Rezensionen in diesem Land nur bedingt vertrauen, denn sie haben selten mit dem eigentlichen Sujet zu tun. Statt dessen belehren uns die Kritiker darüber, wie das bestimmte Buch oder der bestimmte Film hätte ausfallen müssen.

Um wieviel anders reagieren die Menschen im Osten Deutschlands, wo die meisten – nach so vielen Jahren Propaganda und Reiseverbot – genau wissen, wie wenig sie wissen. Wo Neugier statt Besserwisserei regiert. Wo Menschen noch fähig sind, eine Diskussion abzuhalten und neue Meinungen aufzunehmen, ohne gleich den Gesprächspartner angreifen und erniedrigen zu müssen.

Ich erlebe die Trennung zwischen West und Ost nicht nur als eine zwischen Arroganz und Bescheidenheit, sondern auch zwischen Abgrenzung und Offenheit. Als ich mich vor der Maueröffnung immer wieder in Ost-Berlin mit Freunden traf, gab es dort, trotz der bedrückenden Umgebung, ein Interesse und eine Freundlichkeit, die nach der westdeutschen Kälte wie eine Erlösung wirkten. Die Menschen hatten Humor – und konnten über sich selber lachen. Mit Westdeutschen habe ich selten so viel Spaß gehabt.

Statt nach westlichem Vorbild ständig Kritik zu üben an allem, was nicht in ihr Bild paßte, konnten sie sich begeistern. Wie das auch bei US-Amerikanern oft der Fall ist, waren sie ein bißchen naiv. Sie vertrauten einander und mir, öffneten sich, waren verwundbar. Das war die ostdeutsche "Wärme", im Westen manchmal verspottet: Für mich bestand sie – und besteht sie immer noch – in der Abwesenheit von der Härte, von Aggressionen und den Mauern zwischen Menschen, auf die ich in Westdeutschland immer wieder stoße. Und das alles trotz eines Systems, das eigentlich das gegenteilige Verhalten hätte fördern müssen.