Es ging alles so schrecklich schnell. Es kam alles ganz anders als erwartet. "Hier" und "da" sind immer noch "hüben" und "drüben ". Längst sind "Ossis" und,, Wessis" mit Ressentiments beladene Schimpfwörter geworden. Die Atmosphäre im vereinten Land ist voll von Vorurteilen und falschen Vorstellungen, von Mißbehagen und Mißtrauen.

Dieser Essay ist der Versuch, dem auf die Spur zu kommen – dem verstörten Zeitsinn, der sich den "gewaltigen Sprung" aus vierzig Jahren Vergangenheit in eine strapaziöse Moderne gefallen lassen muß; dem Verdacht, auf die Diktatur einer Partei sei nun die Diktatur des Geldes gefolgt; der komplizierten Suchenach Schuldigen.

Von Dieter E. Zimmer

Eins der scheußlichsten Wörter der Saison ist wohl "Zeitschiene". Auf eilig-schneidige Art soll es ausdrücken, wozu früher gemächliche Redensarten nötig waren, altfränkische wie "Gut Ding will Weile" oder "So schnell schießen die Preußen nicht", pädagogische wie "Morgen, morgen, nur nicht heute..." Bei der fürs Schienen- und Verschiebewesen eigentlich zuständigen Bahn heißt die Zeitschiene deutlicher "Langsamfahrstrecke" oder gar "Abstellgleis".

Tatsächlich, was sich heute verändert, ist auch das Verhältnis zu dem Medium, das uns sonst am allerverläßlichsten und unbefragtesten umgibt: der Zeit. Das Normale ist ja, daß alle Landsleute in der gleichen Zeit leben; und daß die Zeit für alle gleich schnell vergeht. Wer ein Faible für anschauliche Einseitigkeiten hat, kann das geradezu für die Definition von Gemeinschaft halten. Dann bilden die Deutschen zur Zeit jedenfalls keine.

Denn die Uhren gehen nicht mehr wie sonst. Der Zeitsinn muß sich Zumutungen gefallen lassen und ist gründlich verstört.

Oft wurde angemerkt, daß die DDR irgendwie altmodisch war. Es lag ja auch offen zutage: die vielen Hausfassaden, die samt etwaigen Einschußlöchern exakt noch aussahenwie damals, als die DDR sie übernahm; die Fabriken aus der Epoche von Schweiß und Schmutz; die gemächlich dahinschlingernden Bahnen; die Dörfer, die noch fast wie von dazumal wirkten, obwohl sie doch im Unterschied zu denen des Westens ihre damalige Funktion viel radikaler verändert hatten; die Abendgarderobe in den Theaterfoyers; die frugale Ernsthaftigkeit der Warenwelt; die altertümliche Hausmannskost (auch die Westdeutschen kannten vor dreißig Jahren keine Kiwis oder Avocados, hielten Giros für eine Delikatesse und Blechkuchen mit Tomaten nicht für ein richtiges Mittagessen); die Kachelöfen und der winterliche Braunkohlenrauchgeruch; das viele, mit undeutlichen Verrichtungen beschäftigte Personal; die drakonischen Vorzimmerdamen; die zähe Bürokratie, überhaupt die obrigkeitsstaatlichen Allüren – hier, in Deutschlands angeblich besonders progressiver Hälfte, war die Zeit stehengeblieben, und für den nicht mehr ganz jungen Besucher aus dem Westen war ein Besuch hinter der Mauer immer auch ein Besuch in seiner, unserer Vergangenheit.