Ein Iranboykott durch die Frankfurter Messe träfe mit Sicherheit die Falschen. Zur Ehre der meisten persischen Schriftsteller muß gesagt werden: Sie haben zum Mordbefehl gegen Rushdie geschwiegen, beredt geschwiegen, und einige der Großen haben die ihnen gegebenen Möglichkeiten der Kritik und der indirekten Stellungnahme wirkungsvoll genutzt. Zum Beispiel Ahmed Shamlu, der bedeutendste Lyriker des Landes. Er verwies aus Anlaß der gleichzeitigen Tausendjahrfeier des persischen Nationalepos "Schahname" auf die Grausamkeit der von Firdousi geschaffenen Herrscherfiguren und nannte ausdrücklich die Schreckensgestalt des Sahak: Auf dessen Schultern nisten zwei Schlangen, und eine jede von ihnen muß tagtäglich mit dem Blut eines ermordeten Menschen getränkt werden. Natürlich hat jeder gebildete Iraner die Anspielung verstanden. In den iranischen Medien dauert der Streit über die Gegenwart der Vergangenheit bis heute an.

Der berühmteste Prosa-Autor des Iran, Mahmoud Doulatabadi – sein Romanepos "Der leere Platz von Ssolutsch" erscheint zur Buchmesse im Zürcher Unionsverlag –, äußerte sich im iranischen Fernsehen geradezu verwegen: Er sei kein Iman, und darum könne er auch nichts Gültiges über ein "Fetwa", ein theologisch begründetes Todesurteil, sagen. Aber er glaube, ein wenig den Koran zu kennen, und dort habe er nirgendwo gelesen, daß der Prophet jemals ein so strenges Urteil über einen Menschen gesprochen habe. Ähnlich weise zog sich auch Huschang Ebtehadj aus der Rushdie-Affäre. Er zitierte sich selber – ein Lied, das er zur Schahzeit zum Gedenken an die Gejagten und Verfolgten geschrieben hat. Wie im Golfkrieg haben auch in Sachen Rushdie die meisten Autoren des Landes dem Regime die Gefolgschaft versagt. Schon Chomeini hatte den Schriftstellern wiederholt vorgeworfen, sie würden nur von der Trauer und dem Leid des Krieges schreiben, statt den ewigen Ruhm der Märtyrer zu besingen. Nach seinem Tod ging die Autorenschelte in den Medien der schiitischen Orthodoxie unvermindert weiter. Die namhaftesten Schriftsteller des Iran werden dort immer wieder als Weichlinge, Weintrinker und heimliche Sympathisanten Rushdies beschimpft.

Die iranischen Schriftsteller leben unter komplizierten Bedingungen, isoliert von der Weltöffentlichkeit. Als Mahmoud Doulatabadi im letzten Jahr zum ersten Mal seit der Revolution ins westliche Ausland reisen konnte und dabei auch Deutschland besuchte, war sein Appell an die deutschen Kollegen unüberhörbar: "Laßt uns nicht allein! Helft uns, ein Fenster zur Welt aufzustoßen und die Mauern, hinter denen wir wie eingesperrt leben, zu durchbrechen!"

Nicht alle Medien im heutigen Iran sind gleichgeschaltet. Das Verlagswesen ist bei weitem nicht so hoch konzentriert wie bei uns und nicht so streng kontrolliert wie in den ehemals kommunistischen Regimen. Nach unseren Maßstäben handelt es sich überwiegend um Kleinverlage. Viele Autoren produzieren, verlegen und vermarkten ihre Bücher selber. Zwei Literaturzeitschriften sind in den letzten Jahren mehr und mehr zu Plattformen für nichtangepaßte Autoren geworden: Sohan (Das Wort) und Gardun (Umdrehung). Für Aufsehen sorgte in den letzten Monaten die Zeitschrift Behtarinha (Die Beste), die einige Male beschlagnahmt wurde. In ihr kommen vor allem die drei bekanntesten Dichterinnen des Iran zu Wort: Sharnush Pansipour, Semin Daneschwar und Monirou Ravamipour – oft angefeindet von den konservativen Mullahs und ihren Parteigängern.

Viele kleinere Zeitschriften bewegen sich am Rande des Erlaubten oder im Untergrund. Sie veröffentlichen auch Beiträge exilierter Autoren. Im Sinn einer Politik der Öffnung, des Wandels durch Annäherung, wäre es – in meinen Augen – sinnvoll, den nichtoffiziellen Printmedien aus der islamischen Republik auf der Buchmesse ein internationales Forum zu geben und ihnen die Begegnung mit der iranischen Exilliteratur zu ermöglichen. Rund zwanzig persische Exilschriftsteller leben in Deutschland, unter ihnen eine der mutigsten Kritikerinnen der Mullahkratie, Fahime Farsaie: Ihr Roman "Vergiftete Zeit" ist gerade auf deutsch im Frankfurter dipa-Verlag erschienen.

Von einer geistigen Auseinandersetzung mit der islamischen Revolution sind wir noch weit entfernt. Während wir es für selbstverständlich halten, daß die Bücher anderer revolutionärer Staatsgründer von Lenin bis Mao, von Castro bis Ho Chi Minh bei uns übersetzt und käuflich zu erwerben sind, um uns zum kritischen Studium anzuregen, ist von Chomeinis mehr als dreißig Abhandlungen bislang keine einzige ins Deutsche übertragen worden, von anderen Theoretikern der schiitischen Renaissance wie Ali Schariati oder Mohammed Beheschti ganz zu schweigen. Was wir nicht kennen, können wir auch nicht kritisieren.

Nach dem Tod Chomeinis und dem Ende des ersten Golfkrieges hat im Iran ein zaghafter, selbstkritischer Prozeß des Nachdenkens eingesetzt, der Beginn einer iranischen Perestrojka, tausend Widerständen und Widersprüchen zum Trotz. In diesen Prozeß sollten wir uns nach Maßgabe unserer Möglichkeiten einmischen. Wir sollten dazu beitragen, daß die Mauer zwischen Orient und Okzident nicht noch höher gebaut, sondern Stück um Stück abgetragen wird. Im Iran wächst die Bereitschaft zum Dialog. Ein Beispiel dafür war die Teheraner Buchmesse vom Frühjahr. Sie wurde von 735 Ausstellern aus 24 Ländern beschickt (darunter die USA, Frankreich, England und Deutschland) und von 700 000 Menschen besucht. Der Staat gab fünfzehn Millionen Dollar zum Kauf ausländischer Literatur frei.

Das besondere Interesse der iranischen Intelligenz gilt ohne Frage Deutschland. Die deutsche Literatur besitzt im Iran seit Goethe, Heine und Rückert, den Wiederentdeckern der persischen Klassik, ein unvergleichliches Ansehen, und selbst in den düstersten Jahres des Krieges und der Chomeini-Diktatur wurden Bücher von Böll, Lenz, Fried, Celan, Wallraff oder Brecht ins Farsi übersetzt. Germanisten wie Bozorgh Alavi und Touradj Rahnema haben in schlimmer Zeit versucht, den Kontakt zwischen beiden Kulturen und Literaturen nicht abreißen zu lassen, obwohl das Goethe-Institut schon 1987 nach der unsäglichen Rudi-Carrell- "Affäre" geschlossen wurde. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung haben im Iran ein großes Echo gefunden und Hoffnungen geweckt. Wir sollten diese Hoffnungen nicht enttäuschen. Peter Schutt