Von Elsemarie Maletzke

War er ein Ungeheuer? Oder ein weiser, fähiger Herrscher? War er der Verwüster seines Landes oder der Gründer von Englands Glorie? Ein Raffzahn mit Geschmack? Ein Schlagetot, der dreimal am Tag zur Messe ging? Ein Blaubart, der anderen das Sakrament der Ehe predigte? Ein hochmilder Vater, der sein Volk knechtete, daß es "weder die Kühnheit noch die Kraft besaß, ihm zu widerstehen" (seine Worte)? Ein Vielfraß, der zierlich tanzte? Ein wandelndes Geschoß und Schrecken seiner Höflinge, der selbstkomponierte Liedlein zur Laute sang: "Pastime with good Company ..."?

Heinrich VIII. war alles zusammen und noch etwas mehr. Ein Monster reinen Herzens. Ein mörderischer König, der gleichwohl weitreichende, wichtige und interessante Dinge tat. In diesem Jahr wäre er 500 Jahre alt geworden.

England feiert 1991 Heinrichs Schlösser, die, in denen er wohnte, und solche, die er nur einmal auf der Jagd beehrte. Es werden Lustbarkeiten im Stil der Tudors veranstaltet: Maskenbälle, Feuerwerk, Konzerte, Bankette und Turniere (Picknickkorb und Regenschirm nicht vergessen). Heinrichs politischem Wirken war eine Ausstellung im National Maritime Museum in Greenwich gewidmet. Auch bescheidenere Häuser, die nicht an den Durchgangsstraßen des Tourismus liegen, gedenken, von der Verbindung zu profitieren.

Chenies Manor House in Buckinghamshire zum Beispiel, heute das Heim von Colonel McCloud-Matthew, ein roter Ziegelbau aus dem Jahr 1416 mit Schornsteinen wie Korkenzieher, umgürtet von Rosen und Kletterhortensien, Buchsbaum und Schneeball. Korrekte Kieswege säumen einen Rasen, so dicht und kurz wie ein Hundefell. In der Linde, unter der Königin Elizabeth I. einen Ohrring verloren haben soll, wühlt der Wind. Hier war der König mit seiner fünften Frau, Catherine Howard, abgestiegen, er 51, sie 21. Ein vernunftloses Geschöpf, das Heinrichs Vernarrtheit für einen Freibrief hielt, und, wie Mr. Glegg, der Führer von Chenies Manor mit Gusto vermerkt, zwei ex-boyfriends in ihrem Gefolge mitführte.

Das behagliche Wohnzimmer von Colonel McCloud zu ebener Erde war damals das Schlafgemach, in das Heinrich seinen schweren Leib bettete, während Catherine über die schmale Treppe das erste Stockwerk gewann und dort mit Mr. Culpepper oder Mr. Dereham ... Wie auch immer: An jedem 9. September, der Nacht des Jahres 1542, als es geschah, sind noch heute schwere Schläge und bewegtes Rumpeln in diesem Flügel zu hören, und die Hunde, des Colonels – ausgezeichnete und mutige Tiere – suchen mit eingekniffenen Schwänzen die Sicherheit des Küchentraktes. Die untreue Königin wurde – nach ihren Liebhabern – im Tower enthauptet.

Mr. Glegg, gefragt, ob er sich derlei Gepolter als das geisterhafte Treiben des unberatenen Trios erkläre, lächelt schlau und sagt, er könne gar nichts erklären. Aber er habe als Zeugen Mrs. McCloud, die Hunde und nicht zuletzt den Hausverwalter, auf dessen Dachboden alle paar Wochen mädchenhaftes Gekicher zu hören sei – das allerdings erinnere an eine andere Epoche, als Soldaten in Chenies Manor einquartiert waren und junge Weibsleute aus Amersham oder Rickmansworth ihre Gesellschaft suchten. Keine Zeugen haben zwei alte Damen aus Hampton Court, die die verzweifelten Schreie der Catherine Howard auf dem Flur zur königlichen Kapelle vernommen haben wollen. Die Missetäterin hatte seinerzeit ihre Wachen überlistet. Sie war durch das Schloß gelaufen, hatte an die Kapellentür gehämmert und den Gatten, der dahinter im Gebet verharrte, um Gnade angefleht – vergeblich.