Berliner Begegnungen – Wo ist die berühmte Anpassungsfähigkeit der Deutschen geblieben, die wir so sehr bewunderten?

Von Stéphane Roussel

Alex ist jung, und er ist ein Berliner. Man sieht ihm an, daß er ein glücklicher Berliner ist. Auch hat er die Gabe, seinen Wagen geschickt durch jeden Stau zu schleusen und gleichzeitig seinen Fahrgast – in diesem Falle mich – nicht aus den Augen zu lassen. Entweder indem er sich streckt, um mit dem Blick den Rückspiegel zu erreichen, oder sich immer wieder umwendet, um festzustellen, ob Berlins Sehenswürdigkeiten und vor allem seine begleitenden Erklärungen richtig "ankommen". Auch das jüngste Zeitgeschehen wird berücksichtigt, die Mauer-Nacht ausführlich geschildert, die Einigung kommentiert, die er "einfach großartig" findet. Keine Kritik an den neuen Mitbürgern "dort drüben", und auch die häßlich hinkenden Wörter "Wessi" und "Ossi" fallen kein einziges Mal. Fröhlich mischt er die Epochen: "Da war früher einmal...", "dort sehen Sie..." und auch "hier wird einmal der größte Sportpalast der Welt stehen". Meine Bitte, mich zur Otto Grotewohlstraße zu fahren, nimmt er mit besonderem Interesse entgegen.

Die Otto Grotewohlstraße hieß früher einmal Wilhelmstraße und war in der ganzen Welt ebenso bekannt wie die Londoner Downing Street oder der Pariser Quai d’Orsay. Von hier aus wurde Deutschland regiert.

Es ist nicht schwer, einen Parkplatz zu finden, die Straße wurde nicht wieder aufgebaut. So weit man blicken kann, sind keine Gebäude zu sehen. Ein paar Touristen haben vor einem Erdhügel Halt gemacht und photographieren. Auf dem kleinen Hügel, der aussieht wie ein großes, zugeschüttetes Grab, liegen zwei leere Coca-Cola-Dosen inmitten sonstiger Abfälle.

Hier stand früher einmal die Reichskanzlei, und tief unter der Erde hat Adolf Hitler im Führerbunker die letzten Tage seines Lebens verbracht. "Soll jetzt voll Wasser sein", erklärt ein ältlicher Tourist seiner Ehefrau.

Ich sehe mich um. Hier gegenüber muß das Propagandaministerium gestanden haben, dort das Palais des Reichspräsidenten. Wo war nur das Auswärtige Amt? Und da fällt mir auch der junge französische Historiker ein, der neulich im Fernsehen erklärte, "es sei nun endlich an der Zeit, mit den Berichten der Zeitzeugen Schluß zu machen". Was wohl hieß, daß wir, die dabei waren, den Historikern endlich das Feld räumen sollten, die über eine ganz moderne Ausrüstung an Dokumenten und Statistiken verfügten. Dabei sollte der ungeduldige Historiker doch wissen, daß die Zeit für ihn arbeitet.