Paris, im September

Mit sonnigem Werbelächeln strahlt Valéry Giscard d’Estaing die Franzosen an. Auf den Plakatwänden zwischen Brest und Besançon wirbt der ehemalige Präsident in diesen Tagen für den zweiten Band seiner Erinnerungen. "Ein anderer Giscard", verheißt diese Kampagne. Einen ganz anderen "VGE", wie ihn die Medien hier nennen, entdeckten die Bürger tatsächlich am vergangenen Wochenende. Frankreich erlebe heute, schrieb er im stramm rechten Figaro-Magazine, angesichts der wachsenden Zahl der Asylbewerber und heimlichen Einwanderer keine Immigration mehr, sondern eine Invasion.

Die Empörung war allenthalben groß, erst recht, als Giscard das Reizwort in einem einstündigen Fernsehinterview erneut aufgriff. Selbst Parteifreunden und Gefolgsleuten in der gemäßigten Opposition klang "Invasion" denn doch zu arg nach der Demagogie des Fremdenhassers Jean-Marie Le Pen. Ausgerechnet der kühlste Kopf unter den französischen Spitzenpolitikern, just der intellektuelle Rationalist zündelte mit der gefährlichsten Passion vieler Franzosen, die die Furcht vor den Fremden umtreibt wie sonst nur die Angst vor der Arbeitslosigkeit.

Das aufreizende Wort rutschte Giscard nicht etwa in der Hitze eines Wortgefechtes heraus; er notierte es vielmehr überlegt im wohltemperierten Arbeitszimmer bei der Niederschrift seines Artikels, an dem er angeblich den ganzen Sommer gearbeitet hat. Er ging sogar noch einen entscheidenden Schritt weiter: Künftig soll seiner Ansicht nach nur noch Franzose sein, wer einen französischen Vater oder eine französische Mutter hat. Erheblich beschneiden will Giscard das Territorialprinzip des droit du sol, des Bodenrechts, das seit dem 16. Jahrhundert in Frankreich neben dem droit du sang, dem Abstammungsprinzip und Blutsrecht, die Zugehörigkeit zur Nation regelt. Bisher haben auch Kinder aus nichtfranzösischen Familien, die im Lande geboren und großgeworden sind, mit der Volljährigkeit Anspruch darauf, französische Staatsbürger zu werden.

Giscards Vorschlag würde die Abkehr vom französischen Modell und eine Übernahme des deutschen bedeuten. Zwischen Rhein und Oder gilt, im Unterschied zu den meisten Ländern in der Europäischen Gemeinschaft, allein das Abstammungsprinzip. In Frankreich war dies nur ein einziges Mal herrschendes Recht – während der "schwarzen Jahre" des Vichy-Regimes von Hitlers Gnaden. In französischen Augen kleben am droit du sang deshalb Blut und Boden ...

Ausgerechnet Giscard, einst als Neuerer gefeiert, empfiehlt den Franzosen ein Recht, das hier als reaktionär verrufen ist. "Jetzt bin ich ein Mann der Mitte, weil Giscard d’Estaing mich mit gewissen Formulierungen rechts. überholt hat", frohlockt der rechtsextreme Le Pen. "Im Sinne der Giscardschen Definition bin ich kein Franzose. Der Nationaltrainer Michel Platini auch nicht, der Sänger Yves Montand ebenfalls nicht und Filmstar Isabelle Adjani erst recht nicht", antwortete mit schneidender Kälte Sozialminister Jean-Louis Bianco, Sohn italienischer Einwanderer.

Der Mitterrand-Vertraute hätte die Liste seiner Beispiele mühelos verlängern können. Jeder vierte Franzose findet unter seinen Großeltern mindestens einen Ausländer. Der Vater von Wirtschaftsminister Pierre Bérégovoy stammt aus der Ukraine, der kommunistische Gewerkschaftsführer Henri Krasucki wurde in Warschau geboren, der Pariser Kardinal Jean-Marie Lustiger hat polnische Eltern. Prominente Namen in einer großen Tradition: Die immigration hat in Frankreich eine lange Geschichte, leidvoll und ruhmreich zugleich, Den meisten Einwanderern gelang – trotz aller Ressentiments, auch dank des jus solis und der Schule der Republik – spätestens in der zweiten Generation ihre Integration.