Dies also ist der Ort der alljährlichen Erweckung. In den Treppenaufgängen riecht es nach Bahnhofstoiletten und Boxveranstaltungen. Junge Damen mit drogerieblonden Frisuren und proletarischem Tonfall schenken in den Bars Lagerbier und Bitter in Dosen aus. Die Programmverkäuferinnen rufen: "Prooogram, proooeine seelenlose Ansagerstimme hallt: "Meine Damen und Herren, willkommen in der Royal Albert Hall "

"Sie sind zum erstenmal dabei?" Mein Nachbar, Sperrsitz Reihe 3, Sitz 8, kann es kaum fassen. Er stößt seinen Freund an und sagt, auf mich deutend: "Er ist zum erstenmal dabei "

Sein Freund mustert mich wie ein Fabeltier, das sich in den Zoo verirrt hat. Die beiden halten vielsagende Zwiesprache mit den Augen. Dann blickt er mir gerade ins Gesicht und sagt: "Es wird Ihnen gefallen Jede andere Möglichkeit scheint völlig ausgeschlossen. Wie um das zu untermauern, setzt mein Nachbar hinzu: "Wir kommen seit über dreißig Jahren. Ich habe nur einmal die Letzte Nacht verpaßt "

"Heute abend", kündigte die Times die diesjährige "Last Night of the Proms" an, "werden normalerweise vernünftige und liberale Menschen wieder in einem Exzeß von Hurrapatriotismus, Fahnenschwingerei und aggressivem Nationalismus alle Hemmungen verlieren Die "Proms", die Promenadenkonzerte in der Royal Albert Hall, Königin Victorias sächsisch coburgischem Prinzgemahl zum Andenken erbaut, gehören zum englischen Sommer wie Kornkreise, Straßenschlachten in den Slums von Birmingham und die Cricketwoche in Canterbury. Seit 1895 fanden sie jedes Jahr statt, ob in Krieg oder Frieden. 45 Jahre lang standen sie unter der Leitung Henry Woods, eines extrovertierten Dirigenten mit einem Hang zum Ordinären, über den Königin Victoria sich einmal indigniert erkundigte: "Ist er wirklich englisch?" Seit 1927 organisiert und überträgt die BBC die Konzerte allabendlich auf Radio 3. 66 Konzerte waren es dieses Jahr, in denen dreißig Orchester, von den fünf großen über acht kleinere Londoner Ensembles bis zu den Berliner Philharmonikern und dem Boston Symphony Orchestra, unter 44 verschiedenen Dirigenten auftraten, daneben 45 Solisten, 68 Sänger und 13 Chöre.

Die Proms sind ein Musikfestival für jedermann. Ein Abonnement für die Galerie, Stehplätze hoch oben in dem riesigen, 5200 Zuschauer fassenden Hallenrund, gibt es für 70 Pfund, umgerechnet 3 18 Mark pro Konzert, weniger als eine Kurzstreckenfahrt in der U Bahn. Ein einmaliger Galeriebesuch kostet 2 Pfund, ein Stehplatz unten in der Arena direkt vor dem Podium 2 50 Pfund. Das Promenadenpublikum kommt ausgerüstet mit Sitzkissen, Picknicktüten und Dosenbier. Das sommerschwitzige Halbdunkel in der Galerie läßt einen eher an viktorianische Verliese als an eine Musikveranstaltung denken. Und doch herrscht eine gesammelte Aufmerksamkeit und Konzentration in der riesigen Halle wie vielleicht in keinem anderen Konzertsaal der Welt, ganz gleich ob nun drei Stunden Mozart, spanische Chormusik aus der Hochrenaissance oder avantgardistische Orgelmusik gegeben wird. Vor den Konzerten skandieren Arenabesucher spöttische Sprechchöre in Richtung Galerie: "Was macht ihr dort oben?" Die Galeriebesucher bemerken höhnisch, daß die Akustik in ihrem Halbtunnel viel besser sei als vor dem Podium. Der Wettstreit zwischen Galerie und Arena gehört zur Promenaden Folklore. Und dann, Mitte September, die Letzte Nacht. In einem Leitfaden der British Tourist Authority für Konzert- und Theaterbesucher in London steht eine Warnung: "Tickets für die Last Night sind lange im voraus ausverkauft. Möglicherweise bietet man Ihnen Eintrittskarten vor dem Veranstaltungsort an. Individuen, die das tun, sind mit aller Wahrscheinlichkeit Nepper Um der Ungeheuerlichkeit des Tuns dieser Individuen Nachdruck zu verleihen, steht in Klammern dahinter: "Halsabschneider".

Drei Jahre vergebliches Bitten und Betteln trieben mich in die Arme eines dieser Individuen. Im ersten Jahr teilte man mir im Juli mit, die Tickets würden bereits im April vergeben. Im nächsten Jahr war mein Brief mit der Bitte um eine Karte "nie angekommen". Beim dritten Versuch beschied man mich, eigentlich gäbe es gar keine Tikkets. Erkundigungen bei altgedienten Londoner Kollegen bestätigten diese Version. Eigentlich gibt es für die Letzte Nacht keine Tickets. Ist die Zelebration des Privilegs, englisch zu sein, nur den so Privilegierten zugänglich?

Die freundliche Dame bei der BBC hat eine prosaischere Erklärung. Sie ist selbst ganz verzweifelt. 1300 der 3000 Sitzplätze in der Royal Albert Hall befinden sich in Privatbesitz. Der Bau der Halle im Jahr 1867 wurde durch den Verkauf der Sitze finanziert. Ein Veranstalter kann immer nur die restlichen 1700 Plätze mieten. Oft bleiben die Privatsitze frei, obwohl die Halle ausverkauft ist, weil die Enkel und Urenkel der viktorianischen Mäzene kein Interesse an der Kunst haben. Wie man dann so einen freien Platz bekomme? Das könne sie mir nicht sagen.